Veranlagung spielt eine grosse Rolle

Zentralschweiz am Sonntag - Interview über Rückenschmerzen mit Dr. med. Fabian Baumann und Dr. med. Markus Noger

1. Juli 2018

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Interview von Natalie Ehrenzweig. Die Fragen wurden von folgenden Ärzten beantwortet. 

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Dr. med. Fabian Baumann, leitender Arzt Wirbelsäulenchirurgie und Neurochirurgie

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Dr. med. Markus Noger, Co-Leiter Interdisziplinäre Wirbelsäulenchirurgie und Co-Chefarzt Wirbelsäulenchirurgie, Orthopädie und Unfallchirurgie

Weshalb leiden so viele Menschen an Rückenschmerzen?

Unser Rücken besteht aus Knochen, Bandscheiben, Gelenken, Bändern, Muskeln. Dieses System ist permanent hoher Belastung ausgesetzt. Aufgrund unserer aufrechten Position liegen etwa 80 bis 85 Prozent unsers Körpergewichts auf denunteren Segmenten der Lendenwirbelsäule. Daneben ist die Lendenwirbelsäule mobil, sie erlaubt ein grosses Bewegungsausmass. Das ist eigentlich ein Vorteil, kann aber wie die permanente Belastung auf Dauer zu Abnutzungserscheinungen führen. Die häufigste Ursache für Rückenschmerzen sind aber muskuläre Verspannungen.

Und woher kommen diese?

Sie entstehen, weil die Patienten eine unnatürliche Zwangshaltung einnehmen, um schmerzverursachende Strukturen wie etwa Bandscheiben, Wirbelgelenke oder Wirbelkörper mechanisch zu entlasten. Das ist tatsächlich hilfreich für die überlasteten skelettalen Strukturen, wird aber mit dem Preis bezahlt, dass nun die Rückenmuskulatur mehr und mehr überlastet wird, ermüdet und sich verhärtet (kontrahiert). Dies geht oft so weit, dass schlussendlich die verhärteten, kontrakten Rückenmuskelgruppen selber mehr Schmerzen verursachen als die Wirbelsäulenproblematik selber. Deshalb wäre es wichtig, dass Menschen mit wiederholt auftretenden Rückenschmerzen sich sportlich betätigen würden oder auch spezielles Rückentraining absolvieren würden. Dies stärkt auf lange Sicht die Rückenmuskulatur, welche somit weniger schnell ermüdet, sich weniger verhärtet und weniger schmerzt.

Spielen bei Rückenschmerzen auch genetische Veranlagungen mit?

Ja, die Veranlagung spielt wie bei vielen Erkrankungen auch bei Rückenbeschwerden eine grosse Rolle. Eine eher vorzeitige Degeneration der Bandscheiben ist am ehesten genetisch bedingt, kann also meist ohne anderweitig vorliegende Risikofaktoren auftreten. Das heisst auch, dass die allermeisten Patienten für das Auftreten einer Rückenproblematik nichts dafür können. Identifizierte Risikofaktoren wie Rauchen, ständiges Arbeiten in sitzender Position oder an vibrierenden Maschinen oder wiederholtes Heben schwerer Gewichte in schlechter Körperhaltung können die Ausbildung von Rückenleiden zwar zusätzlich forcieren, sie sind aber nicht der Hauptgrund, sondern eben die genetische Veranlagung.

Wann sollte man Rückenschmerzen ärztlich abklären lassen?

Das ist beispielsweise empfohlen oder oft sogar notwendig, wenn wochenlang Schmerzen auftreten oder auch zunehmen. Weitere Alarmsignale sind unter anderem: Schmerzen vor allem im Stehen oder Nachtschmerz, nach einem Unfall aufgetretene Schmerzen, eine Tumorerkrankung, Fieber, eine kurz zurückliegende Infektion, ungewollter Gewichtsverlust oder neurologische Ausfälle (Lähmungserscheinungen, Gefühlsstörung, Inkontinenz).

Was können Betroffene selber tun, um die Schmerzen zu lindern?

Solange die erwähnten Alarmsignale fehlen, haben alle konservativen Massnahmen ihren Stellenwert. Neben traditionellen schulmedizinischen Therapieoptionen wie Schmerzmittel, Physiotherapie, Chiropraxie, Infiltrationstherapie gibt es eine Vielzahl weiterer Angebote wie Akupunktur, Traditionelle Chinesische Medizin, Kraniosakraltherapie, Atlaslogie, um nur einige zu nennen.

Viele Möglichkeiten - zu viele?

Diese Vielfalt der Angebote, die sich teilweise überschneiden, zeigt eben auch, dass es nicht einfach ein Patentrezept gibt für Rückenschmerzen. So individuell wie der Schmerz wahrgenommen wird, so individuell ist auch seine Therapie. Klar ist, dass die absolute körperliche Schonung, also das mehrtägige strikte Verbleiben in liegender Position im Bett, keinen Nutzen bringt und somit nicht mehr praktiziert werden sollte.

Wie kann man Rückenschmerzen vorbeugen?

Es gibt keine Vorbeugung der Abnützung der Wirbelsäule, und mit dem Menschen, der älter wird, altert auch die Wirbelsäule. Es kommt zur Abnützung der Bandscheiben und zur Entwicklung von Arthrose an den kleinen Wirbelgelenken, das ist alles ganz normal. Es ist sicherlich sinnvoll, auf eine allgemeine körperliche Fitness zu achten, normgewichtig zu sein, sich ausgewogen zu ernähren, die Einnahme von schädlichen Substanzen zu minimieren und die Rumpfmuskulatur in guter Verfassung zu halten, den Rücken also zu pflegen. Eine Strategie, um von Rückenschmerzen verschont zu bleiben, gibt es aber nicht.