Ein Mund-Kiefer-Gesichtschirurg gegen Parkinson: Warum er die Krankheit früher erkennen will

Die Bewegungen sind verlangsamt, die Muskeln versteift und oft tritt ein Zittern etwa in den Händen auf: Solche motorischen Störungen gehören zu den wichtigsten Symptomen von Parkinson. Bei dieser neurodegenerativen, also das Nervensystem schädigenden Krankheit sterben im Gehirn zunehmend Nervenzellen ab, welche den Botenstoff Dopamin produzieren. Mangelt es an diesem, ist die Signalübertragung zwischen anderen Nervenzellen beeinträchtigt, was zu den typischen Symptomen führt.
Warum es dazu kommt, ist bisher nicht geklärt. Zunehmend werden Umwelteinflüsse wie Luftverschmutzung und Pestizide als Auslöser diskutiert. Klar ist: Die Zahl der Betroffenen nimmt stark zu. Rund 12 Millionen Menschen sind es heute gemäss Schätzungen weltweit – bis 2050 könnte sich die Zahl auf rund 25 Millionen mehr als verdoppeln. «Parkinson ist die am schnellsten zunehmende neurodegenerative Erkrankung», sagt Robert Ilesan, Oberarzt am Luzerner Kantonsspital. Dass die Krankheit häufiger auftritt, hat vor allem mit der steigenden Lebenserwartung zu tun – die meisten Betroffenen erkranken erst in einem Alter ab 60 Jahren daran. Heilbar ist die Krankheit bisher nicht, aber die Beschwerden lassen sich mit Medikamenten recht gut behandeln (vgl. unten). Das Ziel ist es, damit die Lebensqualität zu verbessern.
Ilesans ungewöhnlicher Weg zur Parkinsonforschung
«Entscheidend ist, die Krankheit möglichst früh zu erkennen. Dies kann den Verlauf positiv beeinflussen.», sagt Ilesan. Er ist seit 2024 am Luzerner Kantonsspital als Oberarzt für Mund-, Kiefer-, Gesichts- und Oralchirurgie tätig. Er ist zuständig für die Behandlung von Gesichts- und Kieferasymmetrien (Dysgnathien) sowie für die Schlafapnoe-Sprechstunde. Zudem leitet er das neue 3D-Labor und betreut im klinischen Alltag Patientinnen und Patienten mit Gesichtsverletzungen nach Unfällen. Daneben betreibt er medizinische Forschung, wobei er sich in den letzten Jahren vor allem der Parkinson-Erkrankung und dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz im Rahmen seines Ph.D.-Projekts widmete. Letzteres mag auf den ersten Blick für einen Chirurgen erstaunen, hat aber seine Gründe.
So war der heute 39-Jährige in seinem Herkunftsland Rumänien nach dem Studium der Medizin sowie Zahnmedizin eine Zeitlang als Berater für das Gesundheitsministerium tätig: «Ich realisierte damals, wie verbreitet Parkinson und andere neurodegenerative Krankheiten sind. Neben dem grossen Leid für die Betroffenen und ihr familiäres Umfeld verursacht die Krankheit auch erhebliche Kosten im Gesundheitswesen» Ein weiterer Grund für sein Forschungsthema war für Ilesan, dass er auch als Spezialist für Mund, Kiefer und Gesicht oft Patientinnen und Patienten mit Parkinson behandelt. Denn zu den Symptomen gehören auch Schluck- und Sprechstörungen sowie ein Mundtrockenheitsgefühl, was die Mundhygiene allgemein erschwert – all dies fällt in seinen Tätigkeitsbereich der oralen Gesundheit.
Gemeinsam mit Spezialistinnen und Spezialisten aus der Neurologie und der Informatik startete er deshalb ein Forschungsprojekt zum Thema Parkinson. Dessen Ziel ist es, Künstliche Intelligenz und andere Technologien nutzbar zu machen, um die Krankheit frühzeitig diagnostizieren und den Verlauf besser überwachen zu können. Dies soll es ermöglichen, Behandlungen möglichst früh zu beginnen und auch laufend an den Gesundheitszustand der Patientinnen und Patienten anpassen zu können.
Wie Algorithmen und Sensoren frühe Anzeichen sichtbar machen
Mehr als 200 Jahre nach James Parkinsons Beschreibung der «Shaking Palsy» im Jahr 1817 erfolgt die Diagnose der Parkinson-Krankheit im Wesentlichen noch immer klinisch – also anhand typischer Symptome und neurologischer Untersuchungsbefunde. Eine eindeutige Bestätigung durch Laboruntersuchungen oder bildgebende Verfahren ist bislang nicht möglich. Allerdings werden in den letzten Jahren vermehrt diagnostische Ansätze mit bildgebenden Verfahren erforscht, um objektivere Kriterien für die Früherkennung und Verlaufskontrolle zu entwickeln.
«Ausserdem machen es Künstliche Intelligenz und moderne Sensortechnologie heute möglich, Symptome präzise zu erfassen», sagt Ilesan. Dazu hat er mit seinem Forschungsteam spezielle Sensoren und Algorithmen entwickelt. Diese erfassen und analysieren über Sensoren an den Beinen die Bewegungen beim Gehen, über das Smartphone die Sprache und über gescannte Bilder von geschriebenem Text die Handschrift. Denn auch dies gehört zu den typischen Symptomen von Parkinson: Die Betroffenen entwickeln einen schlurfenden Gang mit reduzierten Armbewegungen, sprechen monotoner und ihre Handschrift wird kleiner und unregelmässiger. All dies kann sich schon zu einem frühen Zeitpunkt der Erkrankung zeigen, weshalb es sich besonders gut für eine möglichst frühzeitige Diagnose eignet.
Die von Ilesan und seinen Mitforschenden entwickelten Algorithmen und Sensoren für die Ganganalyse haben sich in den bisherigen Tests sehr gut bewährt. Wobei Ilesan betont: «Die Künstliche Intelligenz kann nur Wahrscheinlichkeiten berechnen, dass eine Parkinson-Erkrankung vorliegt. Die eigentliche Diagnose übernimmt immer noch der Arzt oder die Ärztin.»
Bis die neuartigen Instrumente klinisch eingesetzt werden können, dauert es allerdings noch. Neben seiner Tätigkeit als Chirurg widmet sich Ilesan jetzt der Aufgabe, die Analyse-Software und Prototypen von Sensoren weiterzuentwickeln. So sollen die Sensoren für die Ganganalyse möglichst klein und damit gut tragbar oder gar in die Kleidung integriert werden können. Er hofft, dass Unternehmen sich für seine Forschung interessieren und die Produktion der entsprechenden Medizinprodukte zu gegebener Zeit übernehmen werden.
Risiken erkennen, bevor Krankheiten entstehen
Die Erfahrungen aus seiner Forschung zu Parkinson will Ilesan jetzt auch für andere Erkrankungen nutzen. So arbeitet er bereits daran, auch Schlafapnoe mithilfe von Künstlicher Intelligenz und Sensoren früher diagnostizierbar zu machen. «Entsprechende Technologien könnten in Zukunft sogar so ausgestaltet sein, dass sich damit zahlreiche Krankheiten gleichzeitig erfassen lassen», sagt Ilesan. Er denkt dabei auch an spielerische Tests per Smartphone-App, die bereits gesunden Menschen helfen würden, Risiken für allfällige Erkrankungen frühzeitig zu erkennen. «Wir sollten die Chancen der neuen Technologien nutzen – und dabei natürlich die Privatsphäre und den Datenschutz gewährleisten», sagt Ilesan.
Transdisziplinäre Parkinson-Behandlung am LUKS
Ilesan und der Chefarzt der Neurologie, Prof. Stephan Bohlhalter, entwickeln derzeit ein transdisziplinäres Behandlungsprogramm für Patientinnen und Patienten mit neurodegenerativen Erkrankungen – insbesondere Parkinson –, um sie im Bereich der oralen Gesundheit, Mundfunktion und präventiven Betreuung bestmöglich zu unterstützen.
Expertinnen und Experten aus Neurologie, Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie, Logopädie und Pflege sowie aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) werden dabei eng zusammenarbeiten, um individuell angepasste und patientenspezifische Therapiepläne zu entwickeln.
Ein weiterer Schwerpunkt des Programms liegt auf der Forschung, in enger Partnerschaft mit lokalen Industriepartnern, mit dem Ziel, Abläufe kontinuierlich zu optimieren und innovative, zukunftsorientierte Behandlungskonzepte zu entwickeln. Dadurch soll langfristig ein ganzheitliches Betreuungsangebot entstehen, das die besonderen Herausforderungen neurodegenerativer Erkrankungen umfassend berücksichtigt.
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