Multiple Sklerose: Früh wirksam behandeln – und langfristig neu denken

Die chronische Erkrankung des zentralen Nervensystems begleitet viele Betroffene über Jahrzehnte. Umso bedeutender ist der Wandel in der Behandlung: In den letzten Jahren haben sich die therapeutischen Möglichkeiten grundlegend erweitert – mit neuen Chancen, aber auch neuen Fragestellungen.
«Wir können die Krankheitsaktivität heute bei vielen Patientinnen und Patienten sehr früh und sehr effektiv bremsen», sagt Prof. Dr. med. Christian Kamm, Co-Chefarzt Neurologe am Luzerner Kantonsspital. Moderne MS‑Therapien greifen gezielt in das fehlgeleitete Immunsystem ein und reduzieren Entzündungsprozesse im Gehirn und Rückenmark deutlich. «Unser Ziel ist idealerweise, gar keine Krankheitsaktivität mehr nachzuweisen.»
In der Fachsprache spricht man von NEDA (No Evidence of Disease Activity) – also vom Ausbleiben von Schüben, neuen Entzündungsherden im MRI und einer Zunahme der Behinderung. «Dass dieses Ziel heute häufiger erreicht wird als noch vor zehn oder 15 Jahren, hängt direkt mit dem therapeutischen Fortschritt zusammen», so Kamm.
Hochwirksame Therapien verändern die Behandlung
Früher standen vor allem Medikamente mit begrenzter Wirksamkeit zur Verfügung. «Ein kompletter Stillstand der Krankheitsaktivität war damals für viele Betroffene unrealistisch», erklärt Christian Kamm. Mit der Einführung moderner, hochwirksamer Therapien habe sich das grundlegend geändert. «Heute beeinflussen diese Medikamente nicht nur den Krankheitsverlauf, sondern auch die Ziele, die wir gemeinsam mit den Betroffenen verfolgen.»
Parallel zur Entwicklung neuer Medikamente hat sich auch die Therapiestrategie verändert. Lange folgte die MS‑Therapie dem Eskalationsprinzip: Zunächst kamen moderat wirksame Präparate zum Einsatz, erst später stärkere Medikamente. «Wir wissen heute, dass die entzündliche Aktivität der MS besonders in den frühen Krankheitsphasen ausgeprägt ist», sagt Kamm. «Wenn wir diese Phase konsequent behandeln, können wir das Risiko für bleibende Schäden am Nervensystem deutlich senken.» Dieser Ansatz wird häufig als «hit hard and early»‑Strategie bezeichnet und gewinnt zunehmend an Bedeutung.
Wirksam, aber nicht grenzenlos
Die hohe Wirksamkeit moderner Therapien bringt neue Herausforderungen mit sich. Da viele Medikamente gezielt in das Immunsystem eingreifen, können Nebenwirkungen auftreten, etwa ein erhöhtes Infektionsrisiko. Damit rückt eine zentrale Frage in den Vordergrund: Wie lange soll eine hochwirksame Therapie fortgeführt werden? «Das Immunsystem verändert sich mit dem Alter», sagt Kamm. Dabei sprechen Fachleute von Immunoseneszenz sowie von Inflammaging, einer altersbedingten, chronischen Entzündungsaktivität. «Diese Prozesse können beeinflussen, wie gut Therapien vertragen werden und wie hoch mögliche Risiken sind.»
Therapie anpassen – ohne Kontrolle zu verlieren
Da Menschen mit MS heute dank moderner Behandlungen länger und stabiler leben, gewinnt die langfristige Therapiestrategie an Bedeutung. In der Forschung wird untersucht, ob bei stabiler Erkrankung eine Therapie‑Deeskalation sinnvoll sein kann.
«Es geht nicht darum, die Behandlung einfach abzusetzen», betont Kamm. «Vielmehr prüfen wir, ob die Therapie individuell angepasst werden kann – mit dem Ziel, die Krankheit weiterhin unter Kontrolle zu halten und mögliche Risiken zu reduzieren.» Voraussetzung dafür seien eine enge ärztliche Begleitung und regelmässige Kontrollen.
Ein neuer Blick auf eine chronische Erkrankung
Die MS‑Therapie befindet sich in einem dynamischen Wandel. Während früher vor allem akute Schübe im Zentrum standen, richtet sich der Blick heute zunehmend auf die Behandlung über die gesamte Lebensspanne. «Früh wirksam behandeln und die Therapie im Verlauf immer wieder kritisch überprüfen – das ist aus meiner Sicht der richtige Weg», sagt Christian Kamm. Zum Welt‑MS‑Tag zeigt sich: Die Möglichkeiten, ein stabiles Leben mit Multipler Sklerose zu führen, waren selten so gut wie heute.
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