Ein Beruf am Puls des Lebens

Willisauer Bote - Achterbahn fahren oder Bungee-Jumping: Solche Abenteuer reizen Irma Christen nicht. Sie erlebt in ihrem Alltag als Hebamme mit jeder Geburt einen Adrenalinstoss. Ein Beruf zwischen Wunder, Wunden und Wunderbarem.

7. Mai 2019

Lesezeit: 7 Minuten
irma kristen willisauer bote

Irma Christen (links) mit Carina Stauffer und dem kleinen Malin. (Bild: Willisauerbote online vom 03.05.2019)

Das Handy liegt neben der Herdplatte. Irma Christen rührt in der Tomatensauce, Katze Findus streicht um ihre Beine. Es ist kurz vor zwölf Uhr. Ihr jüngster Sohn Basil kommt demnächst von der Schule. In der Pfanne brodelt das Spaghettiwasser. Das Natel klingelt. «39 Schwangerschaftswoche, Blasensprung, regelmässige Wehen». Hebamme Irma Christens Unterstützung ist gefragt. Sie stellt die Pfannen neben den Herd, ruft ihren Mann Sepp an. «Ohne mein Umfeld könnte ich meinen Job nicht machen.» Die 48-Jährige kann sich auf die Familie, ihren Freundeskreis und die Kita Alberswil verlassen. «Wenn ich zu einer Geburt gerufen werde, kümmern sie sich um die Kinder.» Irma Christen begleitet zwei Geburten pro Monat. Vier bis sechs Wochen vor dem errechneten Geburtstermin ist sie auf Pikett. Während 24 Stunden, sieben Tage die Woche. Manchmal klingelt ihr Natel mitten in der Nacht, während einem Fussballmatch ihrer Söhne oder an der Migroskasse. «Solche Situationen gehört zu meinem Beruf und damit auch zu unserem Familienalltag.»

Die Vertrauensperson

Irma Christen arbeitet seit 23 Jahren als Hebamme. Nach der Ausbildung war sie im Kantonsspital in Luzern tätig, später in Langenthal, Olten und Sursee. Seit August 2018 ist sie Beleghebamme am Kantonsspital in Sursee. Irma Christen arbeitet nicht wie ihre Kolleginnen im Schichtbetrieb. Sie ist zwar Teil des Teams, nutzt die Infrastruktur des Spitals und hält sich an dessen Richtlinien, doch ist sie freischaffende Hebamme. Sie begleitet ihre Klientinnen in der Schwangerschaft, bei der Geburt und durchs Wochenbett. «Dadurch entsteht eine Vertrauensbasis.» Die Frau wisse, wer sie während der Geburt betreue. «Das gibt Sicherheit.» Als Beleghebamme bleibt sie an ihrer Seite, bis das Kind auf der Welt ist. Sie muss sich in dieser Zeit weder um andere Frauen noch um Anrufe oder Organisatorisches kümmern. «Ich kann zu 100 Prozent für die werdenden Eltern da sein. Das ist ein grosses Privileg.» Im Moment ist Irma Christen am Kantonsspital Sursee die einzige Beleghebamme, am Standort in Luzern arbeiten deren drei. Die Nachfrage bei werdenden Mütter sei gross. «Ich muss zum Teil Anfragen abweisen.» Denn sie wolle am Tag X verlässlich für die Frauen da sein. Für die Wartezeit verrechnet Irma Christen ihren Patientinnen ein Pikettgeld, die Kosten für die Geburt übernimmt die Krankenkasse.

Die Begleiterin

Irma Christen war schon bei vielen Geburten dabei. Dennoch bleibe der erste Schrei eines Neugeborenen et- was Besonderes. «Dieser Moment verliert seinen Zauber auch in der Wiederholung nicht.» Sie gehe weder Bungee-Jumpen noch Achterbahn fahren. «Ich habe den Adrenalin-Kick im Gebärsaal.» Während der Geburt ist sie sehr konzentriert und fokussiert. Das Ziel sei gegeben, der Weg dahin ungewiss. «Jede Geburt ist ein Abenteuer.» Irma Christen vergleicht mit einer Bergtour. Sie nimmt die Rolle der Bergführerin ein, begleitet und unterstützt. Jede Frau ticke anders, jede Geburt sei einzigartig. «Das macht unseren Beruf aus.» Sie schätze die neuen Herausforderungen. «Neben Fachwissen ist immer auch viel Fingerspitzengefühl gefragt.» Ihre erste Geburt erlebte Irma Christen als 20-Jährige während der Ausbildung zur Familienhelferin. Dazu gehörte ein Praktikum auf der Wochenbettabteilung. «Die selbstbewusste Hebamme beeindruckte mich.» Nach dem Praktikum habe sie gewusst: «Ich will Hebamme werden.» 1996 schloss sie die dreijährige Ausbildung zur diplomierten Hebamme ab, später bildete sie sich zur Geburtsvorbereiterin, Erwachsenenbildnerin und Hebamme FH weiter. Daneben besuchte sie unter anderem Fortbildungen in der Homöopathie, der Rückbildung oder dem Beckenbodentraining Der Beruf der Hebamme ist sehr breit gefächert. Heute bietet Irma Christen neben ihrer Tätigkeit als Beleghebamme auch Bewegungskurse in der Schwangerschaft und Rückbildung an. Einen wichtigen Teil ihres Arbeitspensums machen zudem die Wochenbettbetreuungen aus. Ein Bereich, der in den vergangenen Jahre an Bedeutung gewonnen hat (siehe Kasten). Irma Christen betreut pro Monat bis zu vier Wöchnerinnen. Auch da ist hohe Flexibilität gefragt. Einige Termine lassen sich planen, andere kommen spontan dazu. Sie biete gerne Hand, doch manchmal müsse sie sich auch abgrenzen. In schwierigen, komplexen Situationen stelle sie beispielsweise den Kontakt zu Fachpersonen her. Dann etwa, wenn eine Mutter unter Depressionen leide oder gesundheitliche Komplikationen auftreten.

Die Familienfrau

Dreh- und Angelpunkt im Leben von Irma Christen ist ihr Zuhause an der Allmendstrasse in Alberswil. «Mein Beruf ist mir wichtig, doch meine Familie hat Priorität.» Als die drei Söhne Gian, Linus und Basil klein waren, arbeitete sie Teilzeit im Spital. «Dank dem fixen Schichtplan konnte ich damals die Betreuung der Kinder gut organisieren.» Die Erfahrungen als Mutter nahm sie mit in den Gebärsaal. Sie erinnert sich an ihren ersten Arbeitstag nach der Geburt ihres ersten Sohnes. «Ein emotionaler Moment, ich hätte am liebsten mit der Frau geweint.» Doch sie biss auf die Zähne. Zu viel Mitgefühl oder gar Mitleid bringe der werdenden Mutter nichts. Geburtserlebnisse prägen. «Zu diesem Thema weiss fast jede Frau etwas zu erzählen.» Manchmal behalte sie ihren Beruf bewusst für sich. «Es gibt auch noch viele andere spannende Gesprächsthemen.» Irma Christen liest gerne Bücher, geht joggen oder spielt Klavier. «Dabei kann ich abschalten.» Angeschaltet bleibt das Handy. Irma Christen ist für ihre Klientinnen praktisch immer erreichbar. Nur wenige Wochen im Jahr gönnt sie sich Ferien. «Damit ich diese in Ruhe geniessen kann, muss ich exakt planen - bestenfalls neun Monate im Voraus.»

Hebammen haben alle Hände voll zu tun

Ein Rekord folgt auf den nächsten: Die Zahl der Geburten erfährt im Jahresbericht des Luzerner Kantonsspitals Jahr für Jahr eine Anpassung nach oben. 2018 kamen im Luzerner Kantonsspital an den drei Standorten Luzern, Sursee und Wolhusen insgesamt 3370 Babys zur Welt. Dieser Kindersegen hält die Hebammen auf Trab. Rund 85 Prozent der Frauen haben nach der Geburt eine Hebamme zu Hause, sagt Karin Bachmann Schuler, Präsidentin der Hebammenzentrale Zentralschweiz. Dieser Verein hilft bei der Vermittlung von freipraktizierenden Hebammen. «Bisher ist es uns gelungen, alle Anfragen innerhalb von 24 Stunden zu beantworten.» Doch dies ist zum Teil mit einem erheblichen Aufwand verbunden. Wenn sich die Geburten häufen oder während der Ferienzeit sei es eine Herausforderung, die ambulante Betreuung sicherzustellen.

Die Mehrarbeit

Nicht nur die steigende Geburtenzahl, sondern auch Veränderungen im Gesundheitswesen sorgen für Mehrarbeit. Seit der Einführung der Fallpauschale im Jahr 2012 verlassen die Wöchnerinnen das Spital am dritten oder vierten Tag. «Viele Frauen sind unsicher und brauchen Un- Die Finanzierung ist innerhalb des terstützung.» Um diesem Bedürfnis Vereins ein grosses Thema. «Mit der entgegenzukommen wurde vor vier Jahren die Wochenbettbetreuung von zehn auf 56 Tage erhöht. In diesem Zeitraum kann die Wöchnerin bis 16 Hebammenbesuche in Anspruch nehmen. Die Kosten trägt die Krankenkasse. Durch diese Anpassung habe der Aufwand pro Frau zugenommen, sagt Karin Bachmann Schuler. Eine interne Umfrage zeige: «Viele der 85 freischaffenden Hebammen im Kanton Luzern sind ausgelastet.» In den nächsten Jahren werde sich die Situation voraussichtlich zuspitzen. «Ein grosser Teil dieser Hebammen ist über 55 Jahre alt», sagt Karin Bachmann Schuler. «Kommen sie ins Pensionsalter, könnte es zu einem Engpass kommen.»

Die Finanzierung

Im vergangenen Jahr betreute das 17-köpfige Team der Hebammenzenrale rund 550 Wöchnerinnen, zu Spitzenzeiten waren es bis 1000 pro Jahr. Seit der Einführung der Telefongebühr von 2.50 Franken pro Minute seien die Anfragen von Spitälern und Privatpersonen zurückgegangen. kurzfristigen Vermittlung von Hebammen nehmen wir Spitälern eine grosse Arbeit ab.» Bisher hat ein Hebammenteam die Anfragen unentgeltlich entgegengenommen und die ambulante Betreuung organisiert. Pro Tag kamen so bis 20 Telefonanrufe zusammen. «Diese Dienstleistung können wir nicht mehr gratis anbieten.» Künftig soll eine App die Vermittlung vereinfachen. Eine Sekretärin wird die Abläufe kontrollieren. Für die Finanzierung dieser Stelle sei der Verein auf die Unterstützung von Spitälern, dem Kanton und den Gemeinden angewiesen, sagt Karin Bachmann Schuler. Die Projektpapiere liegen auf dem Tisch, demnächst folgen Gespräche mit den zuständigen Personen.

Der Tag der Hebammen

Anlässlich des internationalen Hebammentages organisieren die Luzerner Hebammen morgen Samstag, 4. Mai, eine Standaktion. Sie sind von 9 bis 13 Uhr auf dem Falkenplatz in Luzern präsent. 

Autorin: Irene Zemp-Bisang
Quelle: Willisauer Bote vom 03.05.2019

 

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