Gewitter im Auge – Hinweis auf Netzhautablösung?

Luzerner Zeitung: Was sind Anzeichen einer Netzhautablösung, die ja zur Erblindung führen kann? Ich nehme manchmal Blitze wahr und auch ein sichelförmiges Aufleuchten. Meine Augenärztin hat zwar Entwarnung gegeben, aber ich bin trotzdem verunsichert, zumal ich nächstens in die Ferien fliegen möchte. Ist Fliegen ein zusätzliches Risiko?

20. Februar 2018

Lesezeit: 3 Minuten
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Kurzantwort

Längst nicht jedes Blitzen im Auge deutet auf eine Netzhautablösung hin. Dennoch empfiehlt sich speziell bei neu auftretenden Lichtphänomenen innert 24 Stunden eine augenärztliche Kontrolle. Ein Flug ist kein zusätzliches Risiko für eine Netzhautablösung.

Lange Antwort

Das plötzliche Wahrnehmen von sich bewegenden Schatten und Wölkchen (in der Fachsprache Mouches volantes genannt) ist zusammen mit dem Auftreten von «Blitzen» ein häufiger Grund für ein Vorsprechen in der augenärztlichen Praxis.

Das Auge ist eine Hohlkugel, deren Innenwand von der Netzhaut ausgekleidet und deren Höhle mit einem durchsichtigen Gel gefüllt ist. Dieses Gel, auch Glaskörper genannt, schrumpft im Laufe des Lebens, ähnlich wie ein Ballon, der Luft verliert. Danach füllt das Gel das Auge nicht mehr vollständig aus, wodurch sich der Kontakt zur Netzhaut löst. Die durch diese Schrumpfung entstandenen Verdichtungen des Glaskörpers werden insbesondere auf hellen Flächen wie Winterlandschaften oder Computerbildschirmen als kleine herumwirbelnde Mücken wahrgenommen.

Durch den vorübergehenden Zug an der Netzhaut, die einem Fotosensor entspricht und lediglich Lichtimpulse weitergeben kann, kommt es zur Wahrnehmung von Blitzen. Der gesamte Vorgang nennt sich symptomatische hintere Glaskörperabhebung. In der Regel muss sie nicht behandelt werden.

In bis zu 15 Prozent der Fälle kommt es jedoch im Verlauf einer symptomatischen hinteren Glaskörperabhebung zu Einrissen der Netzhaut. Diese können zu einer Netzhautablösung – also einer Trennung der Netzhaut von der inneren Hohlkugel – führen. In den meisten Fällen kann Letzteres erfreulicherweise durch eine kurze Laseranwendung verhindert werden. Sollte sich die Netzhautablösung jedoch bereits eingestellt haben, muss die Netzhaut durch eine Operation wieder zum Anliegen gebracht werden, um eine Erblindung zu verhindern.

Das Auftreten von Blitzen kann durchaus Zeichen einer symptomatischen hinteren Glaskörperabhebung sein. Es reicht unter anderem aber auch schon der Zug der Augenmuskeln in den frühen Morgenstunden aus, um Blitze auszulösen. Auch kann das Blitzen durch heftigen Druck am Auge mit einem Finger provoziert werden. Da es aber für Laien häufig schwierig ist, die Lichtphänomene, die einer Netzhautablösung vorausgehen, von «harmlosen » Blitzen zu unterscheiden, wird bei neu aufgetretenen Blitzen eine Kontrolle beim Augenarzt innert 24 Stunden empfohlen.

Sollte sich tatsächlich eine Netzhautablösung präsentieren – von Patienten in fortgeschrittenen Fällen als grosser dunkler Vorhang wahrgenommen –, muss gehandelt werden. Das vom Netzhautchirurgen festgelegte Zeitfenster bis zur nötigen Operation liegt je nach Ausprägung im Bereich von einem bis mehreren Tagen, gelegentlich auch länger.

Die Frage bezüglich der Gefahren eines Fluges bei symptomatischer hinterer Glaskörperabhebung wird häufig aufgeworfen. Erfreulicherweise stellt die Fliegerei an sich kein Risiko für eine Netzhautablösung dar – möglicherweise sollte man sich allerdings Gedanken über das Reiseziel und die medizinische Versorgung vor Ort machen, falls sich dann doch plötzlich ein «schwarzer Vorhang» bemerkbar machen sollte.

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Dr. med. Jeremy P. Howell. FMH für Ophthalmologie (Augenheilkunde), speziell Ophthalmochirurgie, Leitender Arzt, Augenklinik, Luzerner Kantonsspital