Heuschnupfen: Sind Pollen zunehmend aggressiver?

Luzerner Zeitung: Ich bin jetzt 68, und ich leide dieses Jahr erstmals an Heuschnupfen. Zudem höre ich aus dem Bekanntenkreis, dass es mit dem Heuschnupfen immer schlimmer werde. Kann das wirklich sein? Und weshalb?

24. April 2018

Lesezeit: 3 Minuten
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Kurzantwort

Erwiesenermassen produzieren Bäume und Pflanzen unter Umweltstress aggressivere Pollen. Folge ist eine Zunahme von Pollenallergien, die auch im Alter erstmals auftreten können. Ebenfalls zu beobachten sind schwere Asthmaanfälle nach Gewittern.

Ausführliche Antwort

Heuschnupfen kann durch Hasel- und Erlenpollen schon Anfang Jahr auftreten. Besonders schlimm wird es für Pollenallergiker während der Birkenblüte – also jetzt – und in zwei, drei Wochen mit den Gräsern.

Tatsächlich leiden immer mehr Menschen an Heuschnupfen. Und insbesondere sehen wir zunehmend Patienten, die mit 50, 60 oder gar 70 Jahren erstmals an Heuschnupfensymptomen leiden. Insgesamt sind heute rund 20 Prozent der Schweizer Bevölkerung von einer Pollenallergie betroffen. Das ist ein Drittel mehr als noch vor 10 Jahren und doppelt so viel wie vor 30 Jahren!

Warum ist dies so? Pollen von Stadtbäumen enthalten viele Proteine, die eine allergische Reaktion auslösen können. Das liegt daran, dass «gestresste » Bäume vermehrt Allergene produzieren. Zudem können sich Luftschadstoffe an die Pollen anlagern und diese mechanisch schädigen, wodurch diese Stoffe aus dem Inneren austreten. Die Pollen wirken dadurch viel aggressiver auf die menschliche Schleimhaut. Zusätzlich wird diese vorab im städtischen Raum durch Luftschadstoffe stärker gereizt. Zudem ist bekannt, dass die Pollenmenge in den letzten Jahren in ganz Europa deutlich zugenommen hat. Dies hat vermutlich mit der steigenden CO2-Konzentration zu tun. Ebenfalls kann eine Zunahme von Allergie-relevanten Pollen festgestellt werden. All das erklärt mit einiger Wahrscheinlichkeit, weshalb immer mehr Menschen allergisch auf Pollen reagieren, darunter eben auch ältere Menschen.

Ebenfalls ist bekannt, dass Patienten mit Pollenallergien häufiger als früher nach Gewittern mit Asthmaanfällen reagieren können, auch mit schwersten Asthmaanfällen. Eine mögliche Erklärung ist, dass grosse Gewitter Pollen und Schimmelpilzsporen in die hohen Luftschichten ziehen. In der extrem hohen Luftfeuchtigkeit sammeln sich die Teilchen mit Wasser auf und zerbersten. Kalte Böen drücken die Pollenbestandteile dann wieder in Bodennähe, wo sie eingeatmet werden. Diese kleinen Stärkepartikel (= Allergene) können in die tiefen Atemwege gelangen.

Das kann dazu führen, dass ein Pollenallergiker, der zuvor nie an einem Asthmaanfall litt, plötzlich von einem schweren Asthmaanfall betroffen ist. In jüngerer Vergangenheit konnte denn auch eine Zunahme der Asthmaanfälle nach Gewittern festgestellt werden. Pollenallergikern wird deshalb empfohlen, bei einem Gewitter Innenräume aufzusuchen und die Fenster zu schliessen. Insbesondere die ersten 30 Minuten während eines Gewitters sind eine heikle Zeit, in welcher Asthmaanfälle auftreten können.

Ein Wort noch zur Behandlung der Pollenallergie: Neben der Expositionsprophylaxe (Vermeidung von Kontakt mit Pollen), die in der Praxis relativ schwierig durchzuführen ist, ist eine symptomorientierte Behandlung mit antiallergischen Tabletten, antientzündlichen Nasensprays und Augentropfen meistens sehr dienlich. Liegt zudem ein überempfindliches Bronchialsystem vor, müssen die Patienten auch inhalieren.

Als einzige ursächliche Behandlung kann eine Immuntherapie( Desensibilisierung) – sei dies mit Spritzen oder sublingual in Tropfen- oder Tablettenform – hilfreich sein. Eine Immuntherapie führt zu einer Linderung der Beschwerden von etwa 50 bis 80 Prozent, im gleichen Ausmass kann auch der Medikamentenverbrauch reduziert werden.

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Dr. med. Gerhard Müllner, Chefarzt Allergologie, Zentrum für Dermatologie und Allergologie, Luzerner Kantonsspital,