Hüftprothese - Wie wichtig ist die Erfahrung?

Hospital Tribune - Spielt es eine Rolle, wie viele künstliche Hüftgelenksoperationen (THA) ein Spital oder ein einzelner Chirurg jährlich durchführen? Professor Dr. Martin Beck, Chefarzt der Orthopädischen Klinik des Luzerner Kantonsspitals, versuchte am 78. Kongress der Swiss Orthopedics eine Antwort zu geben.

31. August 2018

Lesezeit: 3 Minuten
newsroom 1 stockimage

Bisher mussten Schweizer Orthopä- den auf die Registerdaten anderer europäischer Länder, Kanadas oder Australiens zurückgreifen. Seit 2012 werden nun die Daten auch in der Schweiz erfasst. Die Revisionsrate bei THA beträgt 2,3 %, was dem internationalen Standard entspricht.

In der Literatur findet man in mehreren Studien Hinweise, dass Spitäler und Chirurgen mit hohen Fallzahlen weniger Komplikationen aufweisen. Doch die Studien sind nicht direkt vergleichbar, da sie jeweils nicht die identischen Kriterien untersucht haben. Eine skandinavische Studie zeigte, dass Spitäler mit 50 oder weniger Hüftimplantationen eine höhere Revisionsrate bei zementfreien THA haben als Spitäler mit hohen Operationszahlen. Die Studie kommt zum Schluss, dass sich die chirurgischen Skills und Routine mit standardisierten Abläufen positiv auswirken.

Eine schon etwas ältere NHS-Studie aus UK zeigte, dass Spitäler mit geringeren Fallzahlen ein schlechteres Outcome hatten, dies bei längerer Aufenthaltsdauer und höherer Rehospitalisationsrate. Die Rate an Revisionen war hingegen bei grösseren Spitälern gering erhöht. Die Studienleiter schliessen nicht aus, dass hier ein Bias wegen der höheren Komplexität der Fälle in grossen Zentren vorliegt.

Eine jüngere grosse kanadische Untersuchung an 32 000 Operationen versuchte gar einen Grenzwert zu ermitteln, bis zu welcher Höhe die Korrelation zwischen Fallzahlen und Komplikationen besonders deutlich ist. Dazu korrigierte man die Zahlen für alle patientenspezifischen Faktoren wie Alter, Geschlecht, BMI, sozioökonomischer Status und Komorbidität. Bei weniger als 35 Operationen jährlich bei einem Chirurgen und weniger als 40 Operationen pro Jahr bei Kliniken ist der Zusammenhang zwischen Komplikationsrate und Fallzahl ausgeprägt. Anschliessend flacht sich die Kurve allmählich ab.

Chirurgen - Erfahrung zahlt sich aus

Die Schweizer Zahlen zeigen ebenfalls, dass die Frührevisionsrate bei Chirurgen, die nur wenige THA pro Jahr durchführen, deutlich höher als bei den «High-Volume»-Chirurgen ist. Die Erfahrung des Chirurgen zahlt sich also aus. Auch zeigte sich ähnlich wie in der kanadischen Studie, dass der Unterschied vor allem bis etwa 50 Operationen pro Jahr deutlich ist, mit noch mehr Erfahrung sinkt die Revisionsrate nicht mehr stark.

In der Schweiz gibt es elf Spitäler, die mehr als 300 THA jährlich durchführen, aber 38 mit weniger als 25 THA. Letztere haben die höchste Frührevisionsrate, Spitäler mit über 300 Eingriffen die tiefste. Dazwischen gibt es allerdings keine eindeutige Assoziation. Möglicherweise spielen hier noch andere Faktoren mit.

Weitere Studien sind notwendig

Die Schweizer Zahlen sind also mit den internationalen Studien vergleichbar. Allerdings sind die Schweizer Zahlen nur nach Geschlecht und Alter, nicht aber nach anderen Patientenfaktoren wie BMI und Komorbidität (definiert als ASA-Score) korrigiert. Auch sind die Kriterien, wann eine Revision durchgeführt wird, unter Umständen nicht einheitlich.

Grundsätzlich scheinen sich Erfahrung und standardisierte Prozesse auszuzahlen. Mit der unterschiedlichen Revisionsrate wird allerdings nur ein Faktor untersucht, der zwischen 1,36-1,93 % schwankt. Entscheidend für den Erfolg einer Operation sind auch das klinische Outcome und die Patientenzufriedenheit. Dies sollte weiter erforscht werden.

*ASA-Score (bei Wahleingriffen in der Rege ASA 1-3)

ASA 1: normaler, sonst gesunder Patient
ASA 2: Patient mit leichter Allgemeinerkrankung
ASA 3: Patient mit schwerer Allgemeinerkrankung

Quelle: Hospital Tribune vom 31.08.2018