Neue Linse vereinfacht Augen-OP

Luzerner Zeitung - Grauer Star: Eine neue Linse schafft mehr Flexibilität nach einer OP. Und Patienten brauchen künftig keine Brille mehr. Erstmals durchgeführt wurde der Eingriff an der Augenklinik des Luzerner Kantonsspitals.

11. März 2019

Lesezeit: 5 Minuten
Augenklinik Philipp Bänninger

Operation des grauen Stars im Augenlaserzentrum des Luzerner Kantonsspitals: Eine neuartige additive Linse (siehe auch Grafik unten) verspricht von Fall zu Fall bemerkenswerte Fortschritte.

Er tritt meist bei älteren Menschen auf, nistet sich schleichend im Auge ein und trübt die Sicht. Der graue Star ist eine häufige Erkrankung der Augen, die sich mit der Zeit verschlechtert und nicht mehr umkehrbar ist (siehe Box). Bei der Operation des grauen Stars entfernen die Augenärzte die trübe Linse und ersetzen sie durch eine künstliche Intraokularlinse. Der Eingriff verbessert die Sehleistung schlagartig – kann aber nicht mehr so leicht rückgängig gemacht werden. Ende 2018 kam nun eine neue Linse auf den Markt, welche Patienten nach der Operation des grauen Stars mehr Freiräume ermöglicht: die trifokale additive Linse. Bereits bewährt hat sich, dass man nach dem Ersatz der eigenen Linse eine zweite Linse einsetzt (additiv). Neu hingegen ist, dass diese Speziallinse sämtlichen drei Dimensionen des Sehens gerecht wird: Sie korrigiert die Sicht in die Nähe (zirka 35–40 cm), in die Ferne sowie intermediär (zirka 70 cm).

Additive Linse einfach entfernen

Eine Linse, die alle Fehlsichtigkeiten korrigiert, gab es bis anhin nur als Ersatz der natürlichen Linse im Kapselsack. Diese wieder zu entfernen, ist allerdings schwierig, wie Philipp Bänninger, Leiter des Augenlaserzentrums am Luzerner Kantonsspital (Luks), sagt: «Diese Operation stellt für das Auge ein erhöhtes Risiko dar. Die additiven Linsen sind für uns gerade deshalb eine interessante Alternative, weil deren Entfernung viel einfacher ist.» Obwohl die meisten Menschen nach einer Operation des grauen Stars mit der neuen Linse im Kapselsack zufrieden sind, kann es zu Schwierigkeiten kommen. So haben die multifokalen Linsen Nebeneffekte wie etwa die Halophänomene – das sind Ringe beim Lichteinfall – oder einen leichten Kontrastverlust von 10 bis 20 Prozent.
Falls dies einen Patienten störte, musste er bis anhin eine risikoreiche Operation in Kauf nehmen oder mit den ihm unangenehmen Nebeneffekten leben. Ausserdem ist es auch möglich, dass sich erst nach einer Grau-Star-Operation eine Augenerkrankung entwickelt oder dass sich die Fehlsichtigkeit verändert. «In diesen Fällen waren uns früher die Hände ein Stück weit gebunden, respektive wir mussten das Risiko einer grösseren Operation eingehen», sagt der Leiter des Augenlaserzentrums. Heute kann Bänninger eine Einstärkenlinse in den Kapselsack setzen und mit der zusätzlichen Speziallinse auch anspruchsvolle Korrekturen vornehmen, die man später noch anpassen kann.

Erste OP schweizweit an der Luzerner Augenklinik

Ende 2018 hat Philipp Bänninger zum ersten Mal eine trifokale additive Linse implantiert – als erster Arzt in der Schweiz. Vorgenommen wurde der Eingriff bei einem 38-jährigen Patienten, der ungewohnt früh am grauen Star erkrankt ist. «Dieser Mann hatte bereits am anderen Auge eine Grau-Star-Operation hinter sich und brauchte seither eine Lesebrille, die ihn im Alltag einschränkte », erzählt Bänninger. Mit der Einstärkenlinse, welche seine natürliche Linse ersetzt hatte, sah er nur in die Ferne scharf. «Er wünschte sich aber, dass er auch in die Nähe gut sieht, weshalb wir eine Einstärkenlinse für die Ferne und eine zusätzliche trifokale Linse eingesetzt haben. » Schliesslich wissen die Fachärzte nicht, ob später eine Krankheit auftaucht oder ob in Zukunft noch bessere Linsen entwickelt werden. Sollte das eintreten, hat der Patient die Möglichkeit, die trifokale Linse ohne Probleme ersetzen zu lassen.

Ich sehe in dieser Linse ein grosses Potenzial.

Dr. med. Philipp B. Bänninger, Leiter des Augenlaserzentrums und Leitender Arzt Augenklinik

Primärlinse braucht es zur Stabilisierung

Heute sieht der Patient auch in die Nähe gut, kann etwa eine Nachricht auf dem Handy oder einen Zeitungsartikel ohne Brille lesen. Bänninger resümiert: «Er ist entsprechend glücklich, sich für diese Speziallinse entschieden zu haben.»
Wenn die Operation vor dem Kapselsack so viel einfacher ist: Weshalb braucht es überhaupt noch eine künstliche Primärlinse? Philipp Bänninger erklärt, dass diese den Kapselsack auch auskleidet und stabilisiert. Insbesondere die Barriere zum hinteren Augenabschnitt ist wichtig. Sonst könnte – bei einer Verletzung des Kapselsackes – der Glaskörper von hinten in den vorderen Augenabschnitt gelangen und Komplikationen mit dem Augendruck oder eine Ablösung der Netzhaut auslösen. Ganz ohne Risiken ist aber auch der kleine chirurgische Eingriff beim Implantieren der additiven Linse nicht: Sie könnte die Furche (Sulcus), in die sie eingesetzt wird, verletzen oder verengen und damit den Augendruck beeinträchtigen. Nicht vollständig mithalten können die additiven Linsen zudem, wenn es um eine Korrektur der Hornhautverkrümmung geht. Die Position dieser Linse kann sich leichter verändern – als klassische Linse im Kapselsack ist sie deshalb besser verankert.

Auge im Längsschnitt Augenklinik

Auge im Längsschnitt (Grafik: Isi)

Patient muss selber bezahlen

Da die trifokale additive Linse in erster Linie die Lebensqualität der Patienten verbessert, ist sie nicht über die Grundversicherung der Krankenkassen gedeckt. Die Speziallinse selbst kostet 1500 bis 2000 Franken pro Auge. Falls sie verspätet eingesetzt wird (nicht gleichzeitig wie die Operation des grauen Stars), kommen zusätzliche Kosten von 2500 bis 3500 Franken dazu.
Damit ist die neue Linse nicht für jeden erschwinglich und auch nicht massentauglich. Philipp Bänninger betont, dass im Hinblick auf eine bevorstehende Operation genaue Messungen notwendig sind, um herauszufinden, ob die Linse für den jeweiligen Patienten geeignet ist.
Trotzdem ist Bänninger überzeugt von der Neuheit: «Ich sehe in dieser Speziallinse ein grosses Potenzial, viele Patienten noch zufriedener zu machen als in der Vergangenheit.» Das Sehen sei in unserem Alltag eine so wichtige Funktion, deren Einschränkung zu einem starken Leidensdruck führen könne.
Die additiven Linsen werden zurzeit weiterhin intensiv erforscht, ausserdem in Material und Form stetig verbessert. Ein weiterer Vorteil dieser Zweitlinse: Sie kann jederzeit entfernt und durch eine neuere Version ersetzt werden.

Grauer Star: OP zählt zu den häufigsten Eingriffen

Grauer Star, in der Fachsprache Katarakt genannt, ist eine Augenkrankheit, die sich oft erst nach längerer Zeit bemerkbar macht. Erste Symptome sind verstärktes Blenden beim Blick in die Sonne oder nachts beim Autofahren, auch ein Schleier vor den Augen ist typisch. Im fortgeschrittenen Stadium trübt der graue Star die natürliche Linse so stark, dass die Betroffenen wie durch ein Milchglas sehen.
In 90 Prozent der Fälle handelt es sich um einen altersbedingten grauen Star bei Menschen über 60 Jahren. Seltener liegen die Ursachen bei einer Augenverletzung, Strahleneinwirkung, Medikamenten oder Diabetes mellitus. In der Schweiz zählt die Operation des grauen Stars mit rund 80 000 jährlich zu den häufigsten chirurgischen Eingriffen überhaupt.

Autorin: Rahel Lüönd
Quelle: Luzerner Zeitung vom 10.03.2019