Operation erst nach gründlicher Abklärung

NZZ am Sonntag - Chirurgische Massnahmen helfen schwer Übergewichtigen, Gewicht zu verlieren. Doch häufig kehren alte Essstörungen zurück.

9. Dezember 2018

Lesezeit: 3 Minuten
adipositas

In der Schweiz werden 4800 Eingriffe pro Jahr an schwer übergewichtigen Personen durchgeführtBild: Getty (NZZ am Sonntag, publiziert online am 8.12.2018)

Jährlich führen Schweizer Chirurgen rund 4800 Eingriffe bei stark übergewichtigen Menschen durch. «Adipositas ist eine schwere Erkrankung», sagt Martin Sykora, Leiter des Adipositaszentrums im Luzerner Kantonsspital, «und konservative Behandlungen bei schwer Übergewichtigen sind nur begrenzt wirksam und nachhaltig.» Am häufigsten wird mit 3600 Eingriffen ein Magenbypass operiert, bei dem der Magen wenige Zentimeter unterhalb des Mageneingangs abgetrennt und an den mittleren Teil des Dünndarms angenäht wird. Betroffene verringern ihr Gewicht um 60 bis 70 Prozent.

«In der Regel verlaufen die ersten beiden Jahre gut», sagt Bettina Isenschmid, Chefärztin des Kompetenzzentrums für Essverhalten, Adipositas und Psyche am Spital Zofingen, «vergleichbar einer HoneymoonPhase. Aber nach zwei Jahren stagnieren bei vielen die Fortschritte, und es kommt zu verschiedenen Problemen.» Dazu gehört die Enttäuschung darüber, dass das Gewicht bei etwa einem Viertel doch nicht weiter sinkt und Betroffene von ihren Zielvorstellungen weit entfernt sind. «Viele nehmen ihren Körper dann wieder sehr negativ wahr», sagt Isenschmid. Auch kann die Ernüchterung dazu führen, dass alte Essstörungen wieder auftauchen oder sich neue entwickeln. In Begriffen wie «PostSurgical Eating Avoidance Disorder» oder «Food Avoidance Emotional Disorder» spiegeln sich diese Veränderungen wider: «Einige Menschen haben nach dem Eingriff Angst vor dem Essen und kauen und spucken alles wieder aus», sagt Isenschmid. «Oder sie haben ein endloses Verlangen nach Speisen, was für den Stoffwechsel schlecht ist.» Oftmals führen auch die mit dem Eingriff verbundenen körperlichen Veränderungen im Magen-Darm-Trakt zu Übelkeit, Brechreiz oder dem Gefühl von Steckenbleiben der Nahrung, weshalb weniger gegessen wird.

Die umfassende Nachbetreuung in enger Zusammenarbeit mit Hausärzten ist nach dem Eingriff deshalb der entscheidende Punkt, da Betroffene oft Unterstützung im Bereich der Psychosomatik benötigen. Das können jedoch meist nur Zentren anbieten, die sich auf solche Eingriffe spezialisiert haben und ein interdisziplinäres Setting anbieten. «Bedenken bezüglich der umfassenden Therapie habe ich hingegen oftmals bei Institutionen, bei denen die Chirurgie allein im Zentrum steht», sagt Isenschmid.

Die Swiss Society for the Study of morbid Obesity führt eine Referenzliste geeigneter Zentren. Darin ist auch das Adipositaszentrum im Luzerner Kantonsspital aufgeführt. Mehr als 300 schwerst übergewichtige Kinder und Jugendliche wurden dort seit 2014 behandelt. Martin Sykora hat 19 Operationen bei Jugendlichen mit einem durchschnittlichen BMI von 45,6 durchgeführt - und weist schweizweit mit die grösste Erfahrung auf. Ein Jahr nach dem Eingriff wiegen die Patienten durchschnittlich 56 kg weniger.

«Einige Menschen haben nach dem Eingriff Angst vor dem Essen und kauen und spucken alles wieder aus.»

Zusätzliche psychische Probleme aufgrund des Eingriffs sieht er eher selten. «Allerdings klären wir die Jugendlichen im interdisziplinären Team ab», sagt Sykora. So erfolge die Operation erst nach intensiver Therapie ohne Chirurgie über mehrere Monate. Und nach dem Eingriff würden die Jugendlichen über mehrere Jahre unterstützt. Auch Essstörungen sieht Sykora nach dem Eingriff selten, eher verändert sich das Essverhalten in einem positiven Sinn. «Das Sättigungsgefühl tritt früher ein, die Jugendlichen wollen gar nicht mehr so viel essen.» Ein Eingriff für jeden ist das trotzdem nicht. Deshalb warnt auch er vor Eingriffen in Spitälern ohne eine multidisziplinäre Struktur.

Quelle: Neue Zürcher Zeitung am Sonntag vom 09.12.2018
Autorin: Annegret Czernotta