Täglich ein Abbruch-Entscheid

Luzerner Zeitung - Letztes Jahr ist es im Kanton Luzern zu 365 Schwangerschaftsabbrüchen gekommen. In der Zentralschweiz waren es deren 587. Was nach viel tönt, ist national betrachtet klar unterdurchschnittlich.

15. Juni 2018

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Eine Frau mit einem Schwangerschaftstest. Bild: Getty

Eine Frau mit einem Schwangerschaftstest. Symbolbild: Getty

Noch nie war die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in den letzten zehn Jahren tiefer: 10 015 Mal kam es 2017 in der Schweiz zu einer Abtreibung. Gemessen an 1000 Frauen im gebärfähigen Alter entspricht dies einer Rate von 6,3. Zum Vergleich: 2007 betrug die Rate noch 6,9 (siehe Tabelle).

Klar unter dem nationalen Schnitt bewegen sich die Zahlen der Zentralschweiz, wie ein Blick in die gestern veröffentlichten Daten des Bundesamts für Statistik zeigt. In den sechs Kantonen kam es zu 587 Schwangerschaftsabbrüchen, davon 365 Mal in Luzern. Dort waren 29 Betroffene Jugendliche. Sechs der 587 Abbrüche erfolgten nach der zwölften Woche. Der Grund für solch späte Abtreibungen seien oft Probleme von «Leib und Seele», also Suizidalität und Psychosen, wie Markus Hodel, Chefarzt Geburtshilfe der Frauenklinik Luzern, sagt. Die Ziffern beziehen sich stets auf die in den jeweiligen Kantonen erfolgten Abbrüche.

In Luzern dürfen die gynäkologischen Kliniken an den drei Standorten des Luzerner Kantonsspitals straflos Schwangerschaftsabbrüche durchführen. Von den 365 Abbrüchen erfolgten denn auch 326 im Spital, 85 Prozent davon medikamentös, der Rest chirurgisch. Zu Abtreibungen ermächtigt sind ferner sechs Gynäkologen, wie die Dienststelle Gesundheit und Sport mitteilt. Jeder Abbruch ist meldepflichtig

Gute Aufklärung, leicht erhältliche Verhütungsmittel

Ein wichtiger Grund für die tiefe Abbruchrate in der Zentralschweiz dürfte in der Prävention liegen: «Frauen und Männer wissen immer besser über ihren Körper Bescheid. Sie haben Zugang zu Informationen über die Schwangerschaftsverhütung», sagt Hildegard Pfäffli Murer, Leiterin von «elbe», der Fachstelle für Lebensfragen, die im Auftrag der Kantone Luzern, Ob- und Nidwalden Schwangerschaftsberatungen durchführt. «Ferner haben wir in der Schweiz einen relativ leichten Zugang zu Verhütungsmitteln, auch die Pille danach für Notfälle ist niederschwellig erhältlich.» Chefarzt Hodel erwähnt nebst der guten Aufklärung auch das kulturell-religiöse Umfeld: «Auf der Landschaft ist die Bevölkerung immer noch stark katholisch geprägt.»

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Entscheidet sich eine Frau dennoch gegen ein Kind, hat dies immer mehrere Gründe. «Neben dem Versagen von Verhütungsmitteln können etwa wirtschafliche Existenzängste den Ausschlag für eine Abtreibung geben, gekoppelt mit konflikthaften oder fehlenden Partnerschaften», sagt Pfäffli. «Auch instabile Lebenssituationen nach einer Trennung oder berufliche Umbrüche können Frauen zu Schwangerschaftsabbrüchen bewegen.»

Generell zeigt die Statistik: Je ländlicher die Gegend, desto weniger Abbrüche gibt es. Zum einen aufgrund des Bedürfnisses nach Diskretion, sagt Pfäffli «Zum anderen leben in Städten und Agglomerationen mehr Menschen in wirtschaftlich, sozial und psychisch belastenden Verhältnissen. Dies sind unter anderem Risikofaktoren für eine ungewollte Schwangerschaft.» 

Die Dienststelle Gesundheit und Sport unterscheidet zwischen Wohnort «Stadt Luzern und Agglomeration» oder «Luzern Land». Das Verhältnis beträgt 2:1; ein Drittel der Luzernerinnen, die im Kanton abtreiben, leben auf dem Land.

Interessant ist: Von den 365 im Kanton erfassten Abbrüchen erfolgten 341 von Luzernerinnen. Die übrigen Frauen stammten vorwiegend aus angrenzenden Kantonen. Insgesamt haben sich letztes Jahr 386 Frauen mit Wohnsitz im Kanton für eine Abtreibung entschieden, 45 Mal erfolgte der Abbruch ausserkantonal. Verglichen mit dem Wert vor zehn Jahren sind das drei Prozentpunkte mehr. Pfäffli: «Wer sich bei uns beraten lässt, wendet sich oft an Fachpersonen vor Ort, zu denen sie Vertrauen haben.» Aber: Ungewollte Schwangerschaften und Abtreibungen seien vielerorts ein Tabuthema. «Die Kantone der Zentralschweiz sind kleinräumig. Man kennt sich. Diskretion ist in dieser Situation sehr wichtig.»

Autor: Evelyne Fischer evelyne.fischer@luzernerzeitung.ch
Quelle: Luzerner Zeitung vom 15.06.2018