Was soll nun werden?

Die Diagnose Krebs ist ein Schock für Betroffene und auch für das nahe Umfeld. Wie geht der Patient mit der neuen Situation um? Was beschäftigt ihn aktuell und welche Lösungen gibt es? Neben umfassender medizinischer Hilfe ist die psychologische Unterstützung sehr wichtig. Silvia Nörenberg ist Psycho-Onkologin und Psychotherapeutin und arbeitet im Team des Psycho-Onkologischen Diensts am Luzerner Kantonsspital (LUKS). Ein Gespräch über Ängste, Unterstützung und darüber, wie man mit der Krankheit leben lernt.

1. Juni 2017

Lesezeit: 2 Minuten
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Frau Nörenberg, gehen Sie in Ihren Beratungsgesprächen von den Menschen aus oder von deren Krankheit?

Ich gehe immer vom Menschen aus. Sicher spielt es eine Rolle, ob ich mit einem Patienten spreche, der eine Krankheit hat, die schon weit fortgeschritten ist, oder mit jemandem, der gute Aussichten auf Heilung hat. Mich interessiert aber vor allem, wie der Mensch seine Situation bewältigt, in welchem Umfeld er lebt, seine berufliche und soziale Situation. Ich bin froh um eine kurze medizinische Diagnose oder Informationen über die Krankheitsgeschichte. Doch beim ersten Kontakt geben wir uns erst mal 60 Minuten Zeit, um uns gegenseitig kennenzulernen; ich möchte heraus hören, wo die Belastungen tatsächlich sind und welche Bedürfnisse mein Gegenüber hat.

Was ist Ihre Rolle in diesen Gesprächen?

Ich kann versuchen, den Gefühlen, die vielleicht sehr verwirrend sind und noch wenig in Worte gefasst werden können, einen Namen zu geben. Geht es um Traurigkeit, Schuldgefühle oder Angst? Die Patientin kann zustimmen oder nicht. Wir versuchen schrittweise, die momentane Situation in Worte zu fassen.

«Wir legen den Fokus nicht auf das, was verloren geht, sondern auf das, was bleibt, was weiterhin möglich ist.»

Dipl.-Psych. Silvia Nörenberg, Psycho-Onkologin und Psychotherapeutin LUKS

Geht es auch darum, wie die Krankheit ins alltägliche Leben integriert werden kann?

Natürlich, das ist ein Hauptthema unserer Gespräche: Welche Fähigkeiten oder Fertigkeiten sind noch vorhanden, um einen befriedigenden Alltag zu gestalten, um Lebensqualität zu erhalten? Wir legen also den Fokus nicht nur auf das, was verloren geht, sondern auf das, was bleibt, was weiterhin möglich ist.

Können in diese Gespräche auch Familienangehörige einbezogen werden?

Wir bieten am LUKS ganz explizit Angehörigenberatungen an. Wir ermöglichen auch Partnern oder erwachsenen Kindern, über ihre Belastungen zu sprechen. Manche Angehörige leiden manchmal psychisch fast stärker als die Patienten.

Es geht also weniger um Patentrezepte als um Möglichkeiten, Potenziale?

Es geht immer um Bewältigungsstrategien. Zum Beispiel Strategien, welche die Patienten schon einsetzen, aber noch nicht so richtig erkennen. Und es geht darum, sie zu befähigen, Dinge beim Namen zu nennen, sich aktiv Information oder Hilfe zu holen, oder auch darum, neue Strategien auszuprobieren wie zum Beispiel Entspannungstechniken anzuwenden oder sich einer Selbsthilfegruppe anzuschliessen.

Und was reizt Sie persönlich an Ihrer psychologischen Beratungstätigkeit?

Sie ist spannend, abwechslungsreich und berührend. Patienten und Angehörige sind in der Regel sehr motiviert und offen für psychologische Beratung.