Welche Ernährung schützt vor Krebs?

Luzerner Zeitung - Welche Rolle spielt die Ernährung für die Entstehung und die Heilung von Krebs? Wie gut abgesichert sind die Empfehlungen? Daniela Weiler vom Luzerner Kantonsspital hat sich als Onkologin auf solche Fragen spezialisiert.

16. Juni 2019

Lesezeit: 7 Minuten
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Neben der Wahl der Lebensmittel sind auch deren Qualität und die Zubereitung für die Gesundheit von Bedeutung. (Bild: Getty Images)

Daniela Weiler , in schöner Regelmässigkeit liest man von Studien über einzelne Lebensmittel, die angeblich Krebs verhindern oder verursachen sollen. Was ist von solchen Meldungen zu halten?

Sie tragen zur Verunsicherung bei. Es ist nie ein einzelnes Lebensmittel, sondern die Gesamtheit, mit der man seine Gesundheit allenfalls günstig oder ungünstig beeinflussen kann. Das macht die Studienlandschaft sehr unübersichtlich. Es müsste alles im Auge behalten werden, also was jemand isst und trinkt, wie sich diese Person bewegt und wie ihre sonstige Lebensweise ist. Das ist sehr komplex und sehr individuell. Einen kausalen Zusammenhang zwischen Ernährung und Krebs zu identifizieren und eindeutig zu beweisen, ist sehr schwierig, viel schwieriger als etwa der Zusammenhang von Rauchen und Lungenkrebs. Aber selbst da dauerte es Jahrzehnte und brauchte über 7000 Studien, bis man eindeutig beweisen konnte, dass Rauchen Lungenkrebs fördert. 

Dennoch die Frage: Kann man sich mit einer bestimmten Ernährungsweise vor Krebs schützen?

Einen 100-prozentigen Schutz gibt es nie. Aber es gibt Krebsarten, die mit einem gewissen Lebensstil beziehungsweise einer bestimmten Ernährungsweise assoziiert sind.

Assoziiert heisst aber eben nicht, dass es dafür wissenschaftlich gesicherte Beweise gibt, sondern man leitet das aus Befragungen über Ernährungsgewohnheiten ab.

Das stimmt nur zum Teil. Richtig ist, dass es schwierig bis unmöglich ist, die Gesamtheit der Ernährung einer grossen Gruppe von Versuchspersonen mit einer klinischen Studie zu untersuchen. Trotzdem gibt es harte Indizien, dass der Lebensstil das Risiko für einzelne Krebsarten erhöht.

Welche?

Bei Dickdarmkrebs, Brustkrebs und Prostatakrebs sieht man am meisten Zusammenhänge, wobei zu sagen ist, dass das allgemein häufige Krebsarten sind und diese daher auch am besten untersucht sind. Es besteht auch bei anderen Krebs-arten ein Zusammenhang zwischen Erkrankungsrisiko und Lebensstil sowie gewissen Ernährungsgewohnheiten. 

Wie viele Krebserkrankungen sind auf Ernährung, Übergewicht und Bewegungsmangel zurückzuführen?

Das Krebsrisiko durch den Lebensstil ist sicher höher als das vererbbare Risiko, das im Durchschnitt der häufigeren Krebsarten bei etwa 5 Prozent liegt. Die höchsten Schätzungen der Internationalen Agentur für Krebsforschung IARC und der World Cancer Research Fund WCRF haben ergeben, dass maximal   50 Prozent aller Krebsfälle vermeidbar wären und 35 Prozent mit gesunder Ernährung, Normalgewicht und ausreichend Bewegung.

Kann man die einzelnen Faktoren bezüglich Risiko separat gewichten?

Eine Studie hat die zehn Punkte in der Tabelle (siehe Kasten) zur Risikosenkung des Dickdarmkrebses untersucht und Folgendes festgestellt: Alkoholabstinenz senkte das Risiko am meisten, gefolgt von reduziertem Fleischkonsum, Normalgewicht und körperlicher Aktivität. Am besten dokumentiert von den Lebensstil-Risikofaktoren ist Übergewicht. Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass Übergewicht das Krebsrisiko für mindestens 15 Krebsarten um einen Faktor 1,5 bis 3,5 erhöht.

Warum ist das so?

Die Beziehung zwischen Übergewicht und Krebs ist komplex, beinhaltet verschiedene Faktoren und ist bis heute nicht ganz klar verstanden. Einerseits bedeutet Übergewicht mehr Fettgewebe, und Fett ist metabolisch aktiv, das heisst, es beeinflusst den Stoffwechsel durch Produktion von Hormonen und Entzündungsstoffen. Weiter geht Übergewicht mit Insulinresistenz- und erhöhten Insulin- und Blutzuckerspiegeln einher, was die Zellen zum Wachstum anregt. All diese Faktoren können die Entstehung eines bösartigen Tumors begünstigen. 

Aber nicht nur?

Ja, was entsteht, hängt vermutlich mit der genetischen Prädisposition zusammen. Es kann sich auch Diabetes, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung, eine rheumatologische Erkrankung, Alzheimer usw. entwickeln.

Übergewicht sollte man verhindern,  essen muss man trotzdem. Was?

In erster Linie sollte man auf gute Qualität achten, Fertigprodukte und Süssgetränke meiden und pflanzliche und ballaststoffreiche Lebensmittel bevorzugen. Von einzelnen Nahrungsmitteln als stärkster Krebsrisikofaktor eingeschätzt wird verarbeitetes Fleisch, also etwa Wurstwaren. An zweiter Stelle folgt rotes Fleisch (Anmerkung: Das ist fast alles ausser Geflügel). Hämeisen – das ist Eisen in roten Blutkörperchen – fördert die Entstehung von krebserregenden Nitrosaminen. Im verarbeiteten Fleisch ist das Hämeisen nitrosyliert, wodurch bereits bei geringerer Menge krebs-erregende Stoffe entstehen. Wenn man rotes Fleisch stark anbrät, dass es schwarz oder dunkelbraun wird, entstehen zusätzliche krebserregende Stoffe. 

Und was heisst das in der Praxis?

Studien lassen den Schluss zu, dass pro 100 g rotes Fleisch oder 50 g verarbeitetes Fleisch pro Tag und über Jahrzehnte das Dickdarmrisiko um je 18 bis 20 Prozent steigt.

Das tönt dramatisch, es handelt sich aber wie üblich um das relative Risiko, nicht um das absolute. Die erwähnten 20 Prozent Mehrrisiko bedeuten grob gerundet, dass von 100 Personen nicht 5, sondern 6 an Darmkrebs erkranken.

Ja, das stimmt und tönt bescheiden. Aber erstens ist das nur der einzelne Risiko- faktor rotes Fleisch, zweitens essen viele Leute eben nicht 100, sondern 300 g rotes Fleisch pro Tag. Das erhöht das Dickdarmkrebs-Risiko noch einmal beträchtlich. Deshalb ist es wichtig, den Fleischkonsum zu reduzieren.

Es gibt nicht nur angeblich ungesunde Nahrungsmittel, sondern auch angeblich gesunde. Mit Kam-pagnen wie «5 am Tag» wird eine obst- und gemüsereiche Ernährung propagiert, weil so unter anderem das Krebsrisiko gesenkt werden könne. Langzeitstudien haben aber gezeigt: Da ist nahezu nichts dran.

Da bin ich anderer Meinung. Studien zeigen, dass Menschen, die sich an die Empfehlungen der Tabelle halten, während einer Beobachtungsdauer von 12 Jahren ein 34 Prozent tieferes Sterberisiko haben und zwar betreffend Tod an Krebs, Herz-Kreislauf-und Atemwegskrankheiten. Der Punkt «Ernähren Sie sich mit reichlich Vollkorn, Gemüse, Früchten und Bohnen» trug alleine zu einem 16 Prozent tieferen Sterberisiko bei. Wie schon gesagt, man sollte nicht nur einzelne Nahrungsmittel anschauen.

Eine Wurst ist auch ein einzelnes Nahrungsmittel, und wenn ich eine esse, muss ich ein schlechtes Gewissen haben.

Ein schlechtes Gewissen macht man sich selbst. Entweder geniessen Sie die Wurst ohne Reue – oder stellen die Ernährung um. Aus eigener Ernahrung weiss ich, dass man auch ohne Wurst viel Freude am Essen haben kann.

Ich verbiete niemandem etwas und dränge niemandem etwas auf.

Dr. med. Daniela Weiler, Leitende Ärztin Onkologin

Weshalb haben Sie mit Ihrer ganzen Familie die Ernährung umgestellt?

In meiner Familie besteht die Prädisposition zu Autoimmunerkrankungen. Ich selber leide unter einer Psoriasis-Arthritis. Weitere Erkrankungen in der Familie haben uns zum Umstellen der Ernährung gebracht. Das war am Anfang nicht einfach, ich war jahrelang eine extreme Fleischesserin. Aber die Umstellung der Ernährung hat uns viel gebracht.

Und deshalb möchten Sie nun am liebsten allen Leuten das Fleisch und andere Genüsse verbieten?

Ich verbiete niemandem etwas, ich dränge auch niemandem etwas auf. Ich versuche lediglich, Menschen – vorwiegend sind dies Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind – einen Weg aufzuzeigen, wenn sie selber den Wunsch haben, etwas an Ihrem Lebensstil zu ändern, das zum Heilungsprozess und zu ihrem Wohlbefinden beitragen und das Rück- fallrisiko verringern kann.

Durch Ernährungsumstellung?

Zumindest zu Dickdarm- und Brustkrebs gibt es Studien, die das signifikant belegen. Ebenso gibt es Studien, die den Nutzen von Bewegung dokumentieren.

Aber Krebs heilen kann man alleine durch den Lebensstil nicht?

Nein, das ist eine unterstützende Massnahme. Wenn eine Chemotherapie nötig ist, kann man diese sicher nicht durch eine Veränderung des Lebensstils ersetzen. Und um bei den Frauen mit Brust-krebs zu bleiben: Wenn sie zu mir kommen, sind sie häufig geheilt und möchten selbst etwas zur Erhaltung ihrer Gesundheit beitragen.

Kann man Krebs «aushungern»?

Nein, denn dann hungert man den gan-zen Körper aus. Das ginge in Richtung extrem kohlenhydratarme Diät. Es ist zwar vorteilhaft, verarbeitete Kohle-hydrate wie Weissmehl und raffinierten Zucker zu meiden, aber andere Kohlehydrate brauchen wir, sonst nehmen wir zu wenig Ballaststoffe auf, welche be-stimmte Darmbakterien benötigen, die zur Aktivierung unseres Immunsystems beitragen. 

Kann man eine «ungesunde» Ernährung allenfalls durch Nahrungsergänzungsmittel ausgleichen?

Nein, man sollte keine Nahrungsergänzungsmittel einnehmen, da die Studien keinen Nutzen und teils sogar einen schädlichen Effekt zeigten. 

Wenn man die Liste mit den zehn Regeln anschaut, heisst das Gebot «verzichten, verzichten, verzichten». Wo bleibt da die Freude?

Was Sie behaupten, stimmt nicht. Ich habe es selber erlebt: Man lässt zwar tatsächlich das eine und andere von dem weg, was man früher gegessen hat – dafür öffnet sich ein ganz neues und viel breiteres Spektrum, mit neuen Genusswelten. Das kann auch sehr spannend und motivierend sein. Es erfordert zwar viel mehr Arbeit, mit Rüsten und so weiter. Aber es lohnt sich, nicht nur, weil sich dadurch das Krankheitsrisiko senken lässt. Versuchen Sie es einfach mal!

10 gesunde Regeln

Zusammengefasst kann man seine Gesundheit durch das Berücksichtigen von 10 Faktoren positiv beeinflussen.(Quelle: World Cancer Research Fund)

  1. Halten Sie Ihr Körpergewicht im Normbereich.
  2. Bewegen Sie sich täglich mindestens 30 Minuten.
  3. Ernähren Sie sich mit reichlich Vollkorn, Gemüse, Früchten und Bohnen.
  4. Beschränken Sie Ihren Konsum von Fast Food und anderen verarbeiteten Lebensmitteln, welche viel Fett, Stärke oder Zucker enthalten.
  5. Beschränken Sie Ihren Konsum von rotem und verarbeitetem Fleisch.
  6. Beschränken Sie Ihren Konsum von zuckerhaltigen Getränken.
  7. Beschränken Sie Ihren Alkoholkonsum.
  8. Nehmen Sie keine Nahrungsergänzungsmittel zur Krebsprävention ein.
  9. Für Mütter: Stillen Sie Ihr Baby, sofern Sie können.
  10. Nach Krebsdiagnose: Befolgen Sie diese Empfehlungen, sofern Sie können.

Autor: Hans Graber
Quelle: Luzerner Zeitung vom 16.06.2019