Woher kommt das Fieberbläschen?

Herisauer Nachrichten - Infektionsspezialist Marco Rossi über das Herpes-Virus - eine lebenslange Infektion.

8. Mai 2019

Lesezeit: 5 Minuten
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Bei Spionen spricht man manchmal von Schläfern. Unbemerkt schleicht der Schläfer sich in ein feindliches System. Verbirgt sich. Wartet, bis er eine Lücke, eine Schwäche, eine Gelegenheit eben, entdeckt. Dann schlägt er zu. «Herpes-Viren sind genau so», erklärt Marco Rossi, Chefarzt am Luzerner Kantonsspital und Spezialist für Infektionskrankheiten. Wie Schläfer, halten die Herpes-Viren sich im menschlichen Körper versteckt. «Übertragen werden sie über die Schleimhäute. Dort kommt - es zu einer ersten, meist schmerzhaften, Infektion. Gleichzeitig breitet sich das Herpes Virus entlang der Nerven aus. Dort bleibt es in der sogenannten Latenz», erklärt Rossi. Latenz meint in der Medizin eine Zeit ohne Beschwerden, in der die Krankheit oder das Virus zwar im Körper ist, sich aber nicht bemerkbar macht. Das Immunsystem hat die Kontrolle. Es verhindert, dass Betroffene Herpes-Symptome spüren. «Eine kurze Unaufmerksamkeit oder eine Schwäche des Immunsystems reichen aus, damit sich das Virus aus seinem Versteck wieder entlang der Nerven ausbreiten kann», sagt Rossi. Dann zeigen sich erneut die typischen Herpes-Symptome. Ärzte sprechen nun von einer Reaktivierung des Virus.

Die Fieberbläschen

«Wir unterscheiden zwischen zwei verschiedenen Ausprägungen des Virus: Lippen- oder Gentialherpes», erklärt Rossi. Das weitaus häufigere Lippenherpes-Virus, oder Herpes Simplex I (HSV-1) zeigt sich in der Mund- und Gesichtsregion. Zu sehen sind, so der Volksmund, «Fieberbläschen». Solche zeigen sich auch immer wieder auf der Oberlippe von Nicolas. «Seit ich mich erinnern kann, habe ich Herpes. Meine ganze Familie auch.» Dass Herpes familiär gehäuft auftritt, erstaunt Spezialist Rossi nicht. «Wir gehen davon aus, dass das Immunsystem von manchen Patienten das Herpes Virus schlechter unter Verschluss halten kann, als bei anderen. Ich erlebe oft, dass mehrere Familienmitglieder betroffen sind.»

70 Prozent der Schweizer betroffen

Welche genetischen Faktoren die Fieberbläschen allerdings gedeihen lassen, sei nicht bis ins letzte Detail bekannt. Fest steht: Rund 70 Prozent der Schweizer Bevölkerung haben das Lippenherpes-Virus. Einmal angesteckt, «trägt man das Virus ein Leben lang mit sich». Doch die Mehrheit der Betroffenen habe «keine Ahnung, dass sie das Herpesvirus in sich trägt. Denn sie erlebt keine Symptome», erklärt Rossi. Dennoch lassen sich bei einem Bluttest Antikörper nachweisen: Das Immunsystem kontrolliert den «Schläfer» - auf dass er nie die Gelegenheit zum Ausbruch bekommt. Praktisch für die Betroffenen. «Und praktisch für das Virus», fügt Rossi an, «es kann nämlich auch aus der Latenz erwachen und auf der Schleimhaut ausgeschieden werden, ohne dass der Träger etwas davon spürt.» Wer das Virus in sich trägt, kann es weitergeben ohne es zu bemerken. Zu jeder Zeit. Genau das allerdings ist Nicolas grösste Sorge. «Fieberbläschen jucken, ziehen und kratzen. Ein voller Ausbruch dauert bei mir im schlimmsten Fall zwei Wochen. Das ist unangenehm. Aber wirklich schlimm ist die Vorstellung, dass man während dem Ausbruch eine riesige Virenschleuder - und enorm ansteckend - ist. Ich möchte das niemand anderem antun. Denn Herpes ist für immer.» Rossi nickt. «Es gibt Medikamente, die das Virus daran hindern, sich zu vermehren.

Herpes ist nicht heilbar. Nur eine Symptombehandlung ist möglich.

Dr. med. Marco Rossi, Chefarzt Infektiologie

Nimmt man das Medikament bei den ersten Anzeichen ein, kann ein Ausbruch verhindert, oder doch um einiges verkürzt werden. Aber von Herpes-Viren befreien können wir niemanden.» Spürt Nicolas ein Kribbeln an der Lippe, nimmt auch er sofort seine Medikamente. «Ich trage sie wirklich immer auf mir. Manchmal machen bei mir wenige Minuten den Unterschied, ob ich den Ausbruch verhindern kann - oder eine Woche lang mit einer dicken Fieberblase auf der Oberlippe herumlaufen muss.» Anders als beim Antibiotikum, von dem so wenig wie möglich eingenommen werden sollte, damit sich keine Resistenzen bilden, können die Herpes-Medikamente so oft wie nötig eingenommen werden. «Das Virus kann bei Menschen mit normalem Immunsystem nicht resistent werden», erklärt Rossi. «Wie oft man die Medikamente nimmt, ist also in erster Linie eine finanzielle Frage.» Rossi schreibt seinen Patienten jeweils ein Dauerrezept aus. «Ich sage den Patienten immer, sie müssen die Spezialisten ihres eigenen Virus werden. Sie spüren am besten, wann sie wie viele Medikamente einnehmen müssen.»

Jeder Fünfte hat Genitalherpes

Auch Genitalherpes oder Herpes Simplex II (HSV-2) wird via Schleimhaut, also beispielsweise beim Sex, übertragen. Die Ausbrüche zeigen sich hier an oder um die Geschlechtsteile, beim After oder in der Leistengegend. Selten auch an den Fingern. Sie sind oft schmerzhafter, als die Ausbrüche im Gesicht. Betroffen ist laut Bundesamt für Statistik (BfS) in der Schweiz jeder Fünfte. Frauen häufiger als Männer. Nicolas gibt sich Mühe, die Bläschen an seiner Lippe ja nicht zu berühren. «Meine Horrorvorstellung ist, dass ich das Virus am Körper verteile», sagt er. Rossi schüttelt den Kopf. «Das Risiko, dass das Virus auf andere Körperstellen verteilt wird, ist gering.Zudem bietet eine Herpes-Virusinfektion vermutlich einen leichten Schutz gegen eine zweite Infektion mit einem anderen Herpes-Virus.» Denn das Immunsystem konnte bereits Antikörper bilden. Was allerdings geht: «Eine Person kann ihre Lippenherpes auf den Genitalbereich eines Partners übertragen. Und umgekehrt.» In seltenen Fällen kann das Virus zudem auf die Hände übertragen werden. Wieweit die sogenannten «Safer Sex»-Regeln gegen die Übertragung von Herpes-Viren schützen, sei unbekannt, so Rossi. Laut BfS sind sie aktuell aber die beste Option.

Die Auslöser

Die meisten Herpes-Ausbrüche sind für den Träger unangenehm, aber ungefährlich. «Wenn aber eine Frau bei der Geburt einen Ausbruch hat, kann sie das Virus direkt auf ihr Kind übertragen. Die Infektion eines Neugeborenen kann lebensbedrohlich sein», sagt Rossi. Das sei allerdings sehr selten. Die Gynäkologen kennen dieses Risiko und können Schwangere vorbeugend behandeln. «So gefährlich, wie für Neugeborene, ist das Virus sonst nur für stark immungeschwächte Patienten. Wie jemand, der wegen einer Leukämie mit einer Chemotherapie oder mit einer Knochenmark-Transplantation behandelt werden muss», erklärt Rossi. Eine solche Abwehrschwäche könnte zu einem gefährlichen Herpes-Ausbruch führen. Auch dann, wenn der Patient zuvor nie etwas von seiner Herpes-Infektion gespürt hatte. Auch die einzelnen, harmlosen Ausbrüche haben oft einen bestimmten Auslöser. «Bei manchen rufen körperliche Anstrengung, die Sonneneinstrahlung oder Stress einen Ausbruch hervor», sagt Rossi. «Bei mir sind es oft Gesichtspflegeprodukte, Bartöle zum Bespiel, oder trockene Luft. Dann spüre ich ein Ziehen und weiss ganz genau: Jetzt ist es wieder so weit», sagt Nicolas. Der Schläfer ist wach.

Autorin: Nadine A. Brügger
Quelle: Herisauer Nachrichten vom 08.05.2019

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