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«Im Kindernotfall warten zu müssen, ist auch ein gutes Signal»

Coronapandemie, Ukraine-Kriegsflüchtlinge, starke Auslastung des Notfalls. Dr. med. Nicole Ritz, seit einem knappen halben Jahr Chefärztin Pädiatrie am Kinderspital des LUKS Luzern, startet ihre neue Aufgabe in einer spannenden und gleichzeitig herausfordernden Zeit. Ihre Vorfreude auf den Neubau ist gross.
20. April 2022
Lesezeit: 5 Minuten
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PD Dr. med. Nicole Ritz, Chefärztin Pädiatrie am Kinderspital am LUKS

«Wir werden mehr Platz haben und kürzere Wege», sagt Dr. med. Nicole Ritz in Vorfreude auf die Eröffnung des neuen Kinderspitals im gleichen Gebäude wie die neue Frauenklinik. Seit dem Bau des Kinderspitals vor 50 Jahren hat sich die Medizin stark entwickelt. So wird im Neubau etwa die Radiologie integriert. Parallel wächst die Bevölkerung im Einzugsgebiet des einzigen Kinderspitals in der Zentralschweiz. «Wir denken schon heute oft in den künftigen Strukturen und überlegen uns, wie wir im Neubau arbeiten würden.» Das helfe, neue Abläufe schrittweise einzuführen, bevor man ins neue Spital umziehen kann.

Neue Abläufe sind besonders für die Arbeit auf dem Notfall wichtig. Im Gegensatz zu vor 50 Jahren ist ein solcher heute in einem Kinderspital in der Schweiz nicht mehr wegzudenken. Über 25'000 junge Patientinnen und Patienten suchten den Notfall am Kinderspital allein 2021 auf. So viele wie seit 15 Jahren nie. Seit Sommer 2021 sind nochmal 30 bis 50 Prozent dazu gekommen. «Das macht es zuweilen sehr herausfordernd, uns die nötige Zeit nehmen zu können, um die wirklich schweren von den leichteren Fällen zu unterscheiden», sagt Nicole Ritz.

Triage-System aus Australien

In jedem Notfall in der Schweiz werden die Kinder gemäss einem australischen Triagesystem eingeteilt, um effizient und sicher arbeiten zu können – auf einer Skala von 1 (lebensbedrohlich) bis 5 (wenig dringlich). Eine Notfallpraxis wurde bisher am Kinderspital aus Platzgründen nur an Wochenenden und Feiertagen betrieben. Neu wird diese auch an Wochentagen probeweise eingeführt. Trotzdem kann es bei grossem Andrang zu langen Wartezeiten kommen. Dafür besteht Gewähr, dass Kinder mit lebensbedrohlichen und schweren Erkrankungen und Verletzungen rasch erkannt und versorgt werden können. «Warten zu müssen ist auch ein gutes Signal,» sagt Ritz, «dann wissen Eltern, dass die Gesundheit ihres Kindes nicht so sehr bedroht ist.»

    Wenn es um eine lebensgefährliche Situation geht, ist es keine Diskussion, dass der Notfall die richtige Adresse ist.

    PD Dr. med. Nicole Ritz, Chefärztin Pädiatrie am Kinderspital am LUKS

    Nicole Ritz, selbst Mutter eines 11-jährigen Sohnes, kann die Sorgen der Eltern kranker Kinder sehr gut nachvollziehen. Oft fehle ihnen alltägliches medizinisches Grundwissen, auf das frühere Generationen eher zurückgreifen konnten. Grosseltern oder Eltern kannten Hausmittel, warteten auch mal zu mit dem Notfall-Besuch. Heute seien Eltern schneller verunsichert und kämen zur Klärung chronischer Beschwerden oder unklarer Befunde auf den Notfall. Sie stellt gleichzeitig klar: «Wenn es um eine lebensgefährliche Situation geht, ist es keine Diskussion, dass der Notfall die richtige Adresse ist.» Ihre Tipps zur Einschätzung der Situation:

    • Dringliche Notfälle, die sofort eine Behandlung brauchen, sind z.B: Kinder mit stark beinträchtigem Allgemeinzustand, schwerer Atemnot, lethargische Kinder, die nicht zu wecken sind, Kinder mit einem Krampfanfall. Auch ein Ausschlag, der auf Druck nicht abblasst, oder blaue Haut sind klare Warnzeichen. Schwere Verletzungen beim Sport, in der Landwirtschaft oder durch einen Autounfall erfordern ebenfalls oft sofortige Behandlung.
    • Leichtere Fälle sind Halsschmerzen, Ohrenweh, ein Hautausschlag, der wegdrückbar ist, oder Durchfall. «Mag ein Kind trinken, essen und spielen, liegt kaum eine schwere Krankheit vor», sagt Ritz. Die Situation sei je schwieriger einzuschätzen, desto jünger ein Kind sei, vor allem in den ersten Lebensmonaten. «Manchmal ist nicht leicht abzuwägen, ob es nur schlafen will oder wirklich ernsthaft krank ist.»
    • Alternativen: Wer eine Antwort auf Symptome wie einen Ausschlag oder ähnliches bei einem eigentlich gesunden Kind wolle oder Fragen zu chronischen Beschwerden habe, soll als erste Ansprechstelle unter der Woche den Kinderarzt oder die Hausärztin konsultieren. Am Wochenende oder abends könne man auf Beratungslinien von Versicherungen, auf telemedizinische Anbieter oder das Kinder-Beratungstelefon des LUKS (0900 554 774, kostenpflichtig) zurückgreifen. Dort erhalte man Antworten von Fachpersonal.
    Die Verständigung ist für eine medizinische Behandlung das A und das O.

    PD Dr. med. Nicole Ritz, Chefärztin Pädiatrie am Kinderspital am LUKS

    Spezialistin für Migrations-Medizin

    PD Dr. med. Nicole Ritz beschäftigt sich seit Jahren auch mit Migrations-Medizin und ist aktuell massgeblich beteiligt an der Erarbeitung nationaler Empfehlungen im Umgang mit Flüchtlingen. Diese werden derzeit aufgrund des Kriegs in der Ukraine überarbeitet. Sie sollen Allgemeinpraktikerinnen und -praktikern sowie Kinderärztinnen und Kinderärzte oder Aufnahmezentren aufzeigen, wie sie handeln und woran sie primär denken sollten.

    Basierend auf Erfahrungen in ihrer Tätigkeit als Kinderärztin in Australien baute sie 2014/15 in Basel eine migrationsmedizinische Sprechstunde auf. Die Herausforderung waren Flüchtende aus vielen Ländern mit sehr unterschiedlichen Sprachen und Problemen. «Die Verständigung ist für eine medizinische Behandlung das A und das O.» Vor allem wenn man es mit Menschen zu tun habe, die teils dramatische und oft sehr lange Fluchtwege hinter sich hätten.

    Die medizinische Herausforderung im Fall Ukraine sei anders: Primär gehe es um Themen wie bei Schweizer Patientinnen und Patienten, möglich seien ferner eine schlechtere Versorgung mit Impfungen oder fehlende Vorsorgeuntersuchungen. «Tuberkulose ist z.B. auch häufiger in der Ukraine als in der Schweiz. Wir werden sehen, ob diese die geflüchteten Kinder auch betrifft.» Einfacher ist, dass alle die gleiche Sprache sprechen. «Notfall-Dienste können jederzeit auf einen schweizweit organisierten Telefon-Dolmetscherdienst zurückgreifen.» Oft helfen auch Begleitpersonen oder elektronische Übersetzer. «Für längere und wichtige Gespräche ziehen wir jedoch professionelle Übersetzer hinzu. Diese bieten Gewähr, dass nur übersetzt wird, was gesagt wird, und nichts hineininterpretiert wird.»

    Nicole Ritz über:

    Covid-Kinder: «Es ist ein Mythos, dass Covid-19 für Kinder ungefährlich ist», sagt Nicole Ritz. Zwar stimme das in den meisten Fällen. «Aber es gibt Ausnahmen, auch lebensgefährliche. Schweizweit sind bisher mindestens drei Kinder mit oder an Corona gestorben.» Zudem sei das so genannte Multisystemische inflammatorische Syndrom – eine schwere Entzündungsreaktion – häufiger geworden. Die Hälfte der davon betroffenen Kinder mussten auf einer Intensivstation behandelt werden.

    Pendeln: Nicole Ritz wohnt in Basel. Sie ist es sich von ihrer früheren Arbeit in Australien gewohnt, zu pendeln. Sie könne unterwegs gut abschalten oder die Reise zum Arbeiten nutzen. Sie wurde in Luzern sehr gut aufgenommen und führt das auch auf ihre Vertrautheit mit der Zentralschweiz auf: Sie wuchs in Kastanienbaum auf. «Das gibt mir ein Gefühl für die Patientinnen und Patienten und schafft eine gemeinsame Basis.»

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