Interview zum internationalen Tag der Pflege

Am Dienstag, 12. Mai, wird der internationale Tag der Pflege gefeiert. Dieser fällt 2020 auf den 200. Jahrestag der Geburt von Florence Nightingale, die als Begründerin der professionellen Krankenpflege gilt. Wir nehmen dies zum Anlass, um mit Kai Weber, Abteilungsleiter Pflege am LUKS, über die Situation der Pflegenden in Corona-Zeiten sowie das Erfüllende an diesem Beruf zu reden. Die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärte das Jahr 2020 zudem zum Jahr der Pflegenden und Hebammen.

11. Mai 2020

Lesezeit: 5 Minuten
Statue von Florence Bightingale in London

Kai Weber, als Pflegeperson bekommt man derzeit von überall her Geschenke, Applaus von Balkonen und viel Lob für die Arbeit. Wie erleben Sie es als Beklatschter?

Diese Wertschätzung tat insbesondere in der heissen Phase gut. Es war wohltuend, zu verspüren, dass unsere Arbeit geschätzt wird. Die kleinen Zeichen zeigten uns in den hektischen Abläufen, dass es noch eine Welt um uns herum gibt, auch wenn oft wenig Zeit blieb, um die Anerkennung wirklich zu geniessen. Auch die vielen Aufmerksamkeiten von externen Firmen wurden von meinen Mitarbeitenden sehr gut aufgenommen.

Wie erlebten Sie die erste Corona-Zeit am LUKS?

Ich wurde am Abend des 10. März informiert, dass es am nächsten Tag gelte, samt meinem Büro vom 10. in den 8. Stock umzuziehen. Das war, wie wenn man in einem halben Tag eine Wohnung auflösen muss. Damit verbunden war auch eine wiederholte Aufteilung meines Teams. Nach mehr als einem Umzug sind wir nun zurück im 10. Stock und ab dieser Woche wieder komplett. Die oft kurzfristigen Entscheide umzusetzen, war sehr herausfordernd, forderte Kraft und Energie. Und das verbunden mit der latenten Unsicherheit, wie sich das Ganze weiter entwickeln dürfte. Das schuf auch Ängste, die es anzusprechen galt. Und doch hätte ich nicht mit jenen tauschen wollen, die einzelne Tage zu Hause verbringen mussten. Die Arbeit lenkte etwas ab von der Corona-Dauerbeschallung in allen Medien und liess auch private Sorgen um die Familie in der Ferne in den Hintergrund treten.

Was erfüllt Sie insbesondere in einer so schwierigen Zeit in Ihrem Beruf?

Speziell in der Corona-Zeit war es die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten. Sie hatten es auch nicht einfach - mussten mit Masken umherlaufen, konnten ihre Ängste nicht mit Angehörigen teilen. Sie in dieser Situation zu begleiten und in kleinen Gesprächen aufzufangen, war uns wichtig. Wir waren dann mehr als nur Pflegerin oder Pfleger, mussten erklären, warum der beim Eingang stehende Besuch nicht zugelassen ist. Das tat zuweilen weh, wollten wir doch alle insbesondere, dass die Patienten nach ihrem Aufenthalt die Station und unser Haus zufrieden verlassen.

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Kai Weber

Es ist verständlich, dass man sich ein Stück Normalität zurückwünscht. Ich stelle aber mit der zunehmenden Lockerung der Massnahmen eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Abstands- und Hygieneregeln fest.

Kai Weber, Abteilungsleiter Pflege mit Schwerpunkt Hals-, Nasen-, Ohren- und Gesichtschirurgie.

Was hilft Ihnen dann jeweils?

In solchen Situationen versuche ich mich dann in die Lage des Patienten zu versetzen und in einem freundlichen Umgangston auf ihn einzugehen. Dabei war auch die Flexibilität der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sehr hilfreich. Sie mussten sich auch wiederholt und teils mehr als einmal am Tag auf neue Gegebenheiten und eine neue Teamzusammensetzung einstellen, was sie sehr gut mittrugen. Am Ende eines Arbeitstages ein gelungenes Ergebnis zu sehen und positive Rückmeldungen von Patienten, Mitarbeitenden und Vorgesetzten zu erhalten, ist in einer solchen Phase sehr wertvoll.

Empathie, Engagement, Interesse an den Menschen sind wichtige Qualifikationen für Ihren Beruf. Zu Zeiten von Florence Nightingale, einer Vorreiterin der Krankenpflege, gehörten auch viel Aufopferung und Selbstaufgabe dazu. Was fordert und was befriedigt Sie generell in Ihrer Arbeit?

Ich setze mich gerne mit Mitmenschen auseinander. Ich absolvierte eine kaufmännische Ausbildung, leistete dann in einem Altersheim in meiner Heimat Deutschland Zivildienst und spürte dort, dass ich nicht mehr in einen reinen Bürojob zurück möchte. Ich liebe den Umgang mit Patienten sehr, schätze es, sie mit ihren Problemen wahrzunehmen und zu unterstützen. Es gibt nichts Schöneres, als jemanden in einem guten Zustand nach Hause entlassen zu können.

Die Medizin bleibt nicht stehen, Sie arbeiten mit verschiedenen anderen Berufsgruppen zusammen. Das bedeutet sicher auch lebenslanges Lernen?

Ja, lebenslange Weiterbildung ist eine Grundvoraussetzung in unserem Beruf. Der Wandel in Medizin und Pflege hat sich stark beschleunigt. Man erreicht nie ein Fundament, auf dem man sich ausruhen kann. Dabei hilft uns ein guter Mix aus langjährigen sowie neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Ein durchmischtes Team garantiert, dass sich grosse Routine der Erfahrenen mit neuen Erkenntnissen der Jüngeren mischen kann. Alle Altersstufen mitzunehmen ist spannend, bringt Dynamik ins Team und ist auch wichtig, um sie alle im Beruf behalten zu können, was angesichts des Personalmangels im Pflegedienst von grosser Bedeutung ist.

Bleiben Sie zu Hause, war lange die Botschaft der Behörden und der Spitäler. Das hielt teilweise Nicht-Covid-Patienten ab. Wie würde Ihre Botschaft heute lauten?

Es ist verständlich, dass man sich ein Stück Normalität zurückwünscht. Ich stelle aber mit der zunehmenden Lockerung der Massnahmen eine gewisse Leichtigkeit im Umgang mit den Abstands- und Hygieneregeln fest. Diese sind weiterhin wichtig, weil das Virus noch immer da ist. Gleichzeitig ist es gut und wichtig, dass das normale Leben wieder Einzug hält und wir am Luzerner Kantonsspital wieder mehr operieren dürfen und die Zugangsbeschränkungen schrittweise aufheben können. Das ist wichtig, um das Spital wieder vermehrt als sicheren Ort für alle nötigen Operationen ins Bewusstsein zu bringen.

Wem würden Sie am liebsten vom Balkon aus applaudieren?

Den vielen anderen Berufsgruppen und Einzelpersonen etwa im öffentlichen Verkehr, in den Läden oder bei der Kinderbetreuung, die ebenfalls mithalfen, den «Laden» am Laufen zu halten. Gleichzeitig auch meinem Team, das sehr viel Flexibilität gezeigt hat, sich an den unterschiedlichsten Arbeitsorten einbringen durfte und die oft kurzfristigen Anpassungen sehr gut mitgetragen hat.

Kai Weber, 49, ist Abteilungsleiter Pflege mit Schwerpunkt Hals-, Nasen-, Ohren- und Gesichtschirurgie. Er wohnt seit 1998 in der Schweiz und ist seither am LUKS tätig.

 

100 Jahre «Die Lady mit der Lampe»

Auf den Tag genau vor 200 Jahren, am 12. Mai 1820, wurde Florence Nightingale in Florenz geboren und wuchs in Grossbritannien in gutem Hause auf. Ihre ausgeprägte Hilfsbereitschaft führte dazu, dass sie sich für den Beruf der Krankenschwester entschied, was ihre Eltern zunächst nicht guthiessen. Eine junge Frau mit hohem Wohlstand sollte nicht arbeiten gehen, sondern eine gute Hausfrau und Mutter werden. Doch Florence widersetzte sich. Sie ging als Krankenschwester in den Krimkrieg, behandelte dort zahlreiche Verwundete, optimierte Abläufe und organisierte trotz Widerstand der Ärzte die Pflege der Soldaten neu.

Sie verbesserte die hygienischen und medizinischen Bedingungen und senkte dadurch die Sterberate von 42 auf 2 Prozent. Da sie nachts auf ihren Kontrollgängen die Patienten mit einer Lampe in der Hand besuchte, ging Nightingale als «Lady mit der Lampe» in die britische Folklore ein. Nach ihrer Rückkehr aus dem Krieg gründete Florence Nightingale 1860 die erste Schwesternschule in London, in der nach modernen Normen gelehrt wurde. Ihre Erfahrungen wurden zudem in zahlreichen Lehrbüchern veröffentlicht. Florence Nightingale starb 1910 in London.

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