Spital vom Aufmarsch überwältigt

Luzerner Zeitung - Um Personen mit Herz-Kreislauf-Stillstand rasch medizinisch zu versorgen, wollen das Kantonsspital und der Kanton Freiwillige einspannen. Diese müssen auch mit belastenden Einsätzen zurechtkommen.

24. Mai 2019

Lesezeit: 3 Minuten
rettungsdienst 144 notruf ambulanz blaulicht

Jedes Jahr sind im Kanton Luzern statistisch gesehen rund 400 Personen ausserhalb des Spitals von einem Herz-Kreislauf-Stillstand betroffen. Überlebenschance: fünf bis acht Prozent. Es ist daher zentral, Betroffene innert drei bis fünf Minuten medizinisch zu versorgen. Die Ambulanz braucht in der Regel aber zehn bis zwölf Minuten.

Im Kanton soll die Überlebenschance dereinst bei 50 Prozent liegen. Dafür bauen das Luzerner Kantonsspital (LUKS) und das Gesundheitsdepartement ein «First Responder» -System mit Freiwilligen auf. Dieses funktioniert so: Erhält die Notrufzentrale 144 einen Notruf mit dem Stichwort «Herz- KreislaufStillstand», werden der Rettungsdienst sowie nahe Ersthelfer über eine App alarmiert, sogenannte «First Responder». Dass diese in sehr vielen Fällen Leben retten können, beweist das Tessin, wo die App bereits zum Einsatz kommt (Ausgabe vom 30. März).

Bei Bekanntgabe des Projekts setzten sich das LUKSund das Gesundheitsdepartement zum Ziel, dass die ersten «First Responders » ab dem 1. Juli zur Verfügung stehen. Bis im Sommer 2020 soll Luzern über 500 Ersthelfer verfügen. Nun zeigt sich: Das Ziel dürfte mehr als realistisch sein. Gestern hat das LUKS zum ersten von mehreren Infoanlässen geladen, die teils schnell ausgebucht waren. Über 200 Interessierte waren vor Ort. Ihnen erklärte Esther Schmid, ärztliche Leiterin des Rettungsdienstes: «Unsere Vision ist es, dass dereinst jede Reanimation innert drei Minuten stattfindet.» Mit einem Schmunzeln fügte sie an: «Dafür müssen Sie gut zu Fuss unterwegs sein und es braucht möglichst viele von Ihnen. Motivieren Sie weitere, mitzumachen.»

Unsere Vision ist es, dass dereinst jede Reanimation innert drei Minuten stattfindet.

Esther Schmid, Ärztliche Leiterin des Rettungsdienstes, Luzerner Kantonsspital

Laien und Pflegeprofis sind gefragt

Als Ersthelfer in Frage kommen Personen, welche die wichtigsten lebensrettenden Massnahmen zur Wiederbelebung wie Herzdruckmassage, Beatmung und Defibrillation kennen - folglich über ein Zertifikat verfügen - oder gar im Pflegebereich arbeiten. Sie werden mit einer Beatmungsmaske, Desinfektionsmittel, Handschuhen und einem beschrifteten Gilet ausgerüstet.

Nach Luzern gereist sind gestern Marcel Arnold (42) und Ueli Birrer (42) von der Feuerwehr Willisau-Gettnau. Beide gehören der Sanitätstruppe an. «Von der Feuerwehr her wissen wir, wie wichtig es ist, bei einem grossen Einsatzgebiet auf Leute vor Ort zählen zu können», sagte Arnold. Für beide steht ausser Frage, sich künftig als Ersthelfer zu engagieren. «Von bisherigen Einsätzen, gerade in der Strassenrettung, sind wir uns einiges gewohnt», sagte Birrer. Denn man verhehlte nicht: Die Einsätze können belastend sein. Laut Rettungssanitäter Markus Hinnen finden vier von fünf Reanimationen im häuslichen Umfeld statt. «Seien Sie sich bewusst, dass Sie in eine Privatsphäre eindringen, und verhalten Sie sich so, wie Sie es gern hätten», appellierte er an die künftigen Ersthelfer. «Die Wohnung kann unordentlich sein, nach Erbrochenem riechen und Personen können verletzt sein.»

Wenig überraschend hatten sich auch Fachleute im Hörsaal eingefunden, obwohl seitens Spital kein Druck auf das Personal ausgeübt werde, wie Beat Fischer, Leiter der Unternehmenskommunikation, sagt. «Doch bei ihnen ist der Helfergedanke da. Die Hemmschwelle, einzugreifen, ist tiefer.» Das Projekt läuft vorerst über drei Jahre. Am Start beteiligt sich der Kanton Luzern mit rund 110 000 Franken.

Autorin: Evelyne Fischer
Quelle: Luzerner Zeitung vom 24.05.2019