Postpartale Rektusdiastase: Muss Mama damit leben oder gibt es Therapiemöglichkeiten?
Schlüsselwörter: Postpartale Rektusdiastase, Bauchwandinstabilität, präperitoneale netzverstärkte Raffung der Linea alba, Abdominoplastik mit Rektusdiastasenraffung
Vorkommen und klinische Relevanz
Die postpartale Rektusdiastase (ppRD) tritt bei 60-70% aller Schwangeren in dritten Trimenon auf. Allerdings persistiert diese nur in etwa 30% nach 6-12 Monaten (1). Grund für das Auftreten einer Rektusdiastase ist die Dehnung und Ausdünnung der linea alba. Dies wird in der Schwangerschaft durch verschiedene Faktoren begünstigt: hormonelle Faktoren wie Relaxin und Progesteron, welche zu einer Auflockerung des Bindegewebes führen oder mechanische Faktoren wie der wachsende Uterus (2). Diese Erkrankung ist somit häufig, wird aber im Alltag sehr oft nicht als eigenständiges Krankheitsbild angesehen. Gemäss Leitlinien wird von einer RD gesprochen, wenn die Linea alba 3cm über Bauchnabel > 2cm an Weite aufweist (3).
Nicht jede Mutter, die eine verbreiterte Linea alba hat, leidet unter einer symptomatischen RD. Im Falle einer symptomatische RD berichten die Patientinnen berichten über Unfähigkeit ihre Kinder zu tragen, Rückenschmerzen, erschwertes Aufrichten auf liegender Position und z.t. auch Urininkontinenz bedingt durch eine postpartale neuromuskuläre Dysregulation zwischen Bauchwand und Beckenboden (4).
Therapie
In den ersten 6 Monaten postpartal verfestigen sich die Bindegewebsfasern durch die hormonelle Umstellung wieder. In dieser Zeit kann eine RD spontan ausheilen und Physiotherapie unterstützend helfen (5). Physiotherapie > 6 Monate postpartal kann die RD nicht zum Verschwinden bringen, doch die Patientinnen erfahren durch die Aktivierung des M. transversus abdominis und gezielte Atemübungen ein verbessertes Verständnis für die Ansteuerung der Bauchwand und des Beckenbodens. Zur vollständigen Therapie ist daher ein multimodales Therapiekonzept mit Physiotherapie und Chirurgie indiziert. Dies ist in Skandinavien bereits unter dem Begriff TOR (Training-Operation-Rehabilitation) bekannt (6).
Dieses TOR Konzept wird am Standort Sursee in Zusammenarbeit mit der Physiotherapie bereits umgesetzt. Eine Ausweitung auf die anderen Standorte ist in Zukunft vorgesehen.
Operative Therapie
Am Luzerner Kantonsspital stehen zwei verschiedene Behandlungsmöglichkeiten für die ppRD zur Verfügung: minimalinvasive präperitoneale, netzverstärkte Raffung der Linea alba oder die klassische Abdominoplastik mit Raffung der linea alba. Eine begleitende Umbilikalhernie kann in beiden Fällen mitversorgt werden. Die Empfehlung der Operationstechnik richtet sich nach dem Erscheinungsbild und den Vorstellungen der Patientin an die Ästhetik. Bei straffer Haut kommt das minimal invasive Verfahren zum Tragen, bei Hautüberschuss wird in Zusammenarbeit mit den plastischen Chirurgen die Bauchwand stabilisiert und das überschüssige Gewebe entfernt.
Minimalinvasive präperitoneale, netzverstärkte Raffung der Linea alba
Dabei wird über einen suprapubischen Zugang das hauchzarte Peritoneum von der hinteren Rectusscheide über die ganze Länge der Diastase,d.h. z.t bis zum Xyphoid abgelöst und durch eine invertierende Naht gerafft. Durch ein synthetisches oder resorbierbares Netz wird die Naht zusätzlich verstärkt.
Bei Patientinnen nach Kaiserschnitt hat der single port Da Vinci Roboter einen deutlichen Vorteil gegenüber der Laparoskopie.
Klassische Abdominoplastik mit Raffung der Linea alba
Bei Patientinnen mit einem Hautüberschuss nach der Schwangerschaft, einer infraumbilikal betonten RD oder einer sehr weiten RD wird in Zusammenarbeit mit den plastischen Chirurgen eine Abdominoplastik durchgeführt. Dabei wird die RD durch eine spezielle Nahttechnik in der Breite und auch in der Länge verkürzt.
Das Wichtigste für die Praxis
- Die postpartale Rektusdiastase mit Bauchwandinsuffizienz ist ein relevantes, aber häufig unterschätztes Krankheitsbild
- Mit einem multimodalen Therapiekonzept kann die Lebensqualität und Funktionalität dieser Patientinnen wieder hergestellt werden
- Die Chirurgie ist das zentrale Element in diesem Therapiekonzept
Korrespondenzadresse
Dr. med. Sandra Widjaja Kaufmann
sandra.widjajakaufmann@luks.ch