Räumlich-fraktionierte Bestrahlung sehr grosser Tumoren
Schlüsselwörter: Spatially fractionated radiation therapy (SFRT), Lattice-Bestrahlung
Hintergrund
Eine ausreichend tolerierte und effiziente Bestrahlung sehr grosser solider Tumoren (> 7 cm, bis mehrere Liter) ist oft nur limitiert möglich a) aufgrund des grossen angrenzenden Normalgewebe-Volumens, das Tumor-effektive Strahlendosen nur beschränkt oder mit hohem Nebenwirkungsrisiko toleriert, bzw. b) aufgrund der hohen Dosen, die erforderlich sind, um bei gegebener grosser Anzahl Tumorzellen statistisch genügend zelluläre «Treffer» für eine tumorizide Wirkung zu erzielen. Mit der sogenannten räumlich-fraktionierten Radiotherapie (Spatially Fractionated Radiation Therapy, SFRT) steht eine radiotherapeutische Option zur Verfügung, deren dreidimensionale Variante – die sogenannte Lattice-Bestrahlung (LRT) – seit ca. 10 Jahren an wenigen Zentren weltweit v. a. in palliativer Intention in klinischem Einsatz steht: Statt wie üblicherweise die gesamte Tumormasse homogen hochdosiert zu bestrahlen, werden gezielt kleine Hochdosis-Inseln (sogenannte «Vertices») innerhalb des Tumors bestrahlt, mit entsprechend sehr geringer Dosisexposition der umgebenden Normalgewebe – und dadurch exzellenter Therapietoleranz. Mit dieser extrem inhomogenen Dosisverteilung werden erstaunliche Tumor-Regressionen erreicht (1 – 11). Die genaue Wirkweise der SFRT ist noch nicht gänzlich bekannt – der antitumorale Effekt wird u. a. hauptsächlich der Triggerung durch Immunreaktionen, Veränderungen der Gefässe und Bystander-Effekten in Tumor- und umgebenden Normalgeweben zugeschrieben (12, 13).
Klinische Daten zu LRT sind noch sehr überschaubar und basieren grossteils auf Fallberichten
und kleinen Serien. Am Radio-Onkologie-Zentrum LUKS ist LRT seit Januar 2022 im klinischen Einsatz.
Ziel: Zusammenfassung neulich publizierter klinischer Resultate (10) zur eigenen LRT-Kohorte.
LRT-Patientenkollektiv
Radio-Onkologie LUKS
- 66 Patienten/-innen wurden zwischen 1.2022 und 5.2025 mit LRT an 81 grossen Tumorläsionen bestrahlt (Durchmesser der Tumoren: Ø 14 cm, 7–28 cm; Volumina: Ø
814 cc, 33–4027 cc). Das mittlere Alter der Kohorte betrug 65 Jahre (18–93). - Histopathologische Diagnosen der Läsionen: Karzinome (34), Sarkome (31), Melanome (16).
- 31 % der Läsionen waren vorbestrahlt, 73 % der Patienten/-innen nach/unter Systemtherapien.
Methodik
LRT-Schemata
- Einmalige stereotaktische Hochdosis-Bestrahlung nur der «Vertices» (definierte hot spots innerhalb der Tumormasse): SBRTLRT (14), Abb. 1.
- Fünf Bestrahlungssitzungen mit mittlerer Dosis auf die gesamte Tumormasse, mit simultan
integriertem Hochdosis-Boost auf die «Vertices»: sib-LRT (15).
Indikationsstellung für die erfolgte LRT
- Seitens onkologischer Situation: Patienten/- innen mit grossen inoperablen Tumormassen > 7 cm, nicht oder nicht mehr reagierend auf Systemtherapien bzw. ohne therapeutische Alternativen und willens, eine weitere Behandlung zu versuchen/nicht bereit für «nur best supportive care» (BSC).
- Seitens radio-onkologischer Beurteilungskriterien: Alle Patienten/-innen mit obgenannten
Konditionen, deren Tumoranatomie Hochdosis-Areale gefahrlos zulässt – d. h. keine flache Tumorausdehnung, keine Gefässe/Bronchien/Darmschlingen nahe der Hochdosis-Areale. Vorbestrahlungen stellen keine Indikationseinschränkung dar.
Resultate
- Subjektiv: > 80 % der symptomatischen Patienten/-innen berichteten über eine meist
sehr rasche, deutliche und anhaltende Besserung (Schmerzen, Druckgefühle etc.). - Frühe Therapie-Nebenwirkungen: meist keine, abgesehen von Müdigkeit.
- Späte Therapie-Nebenwirkungen (> 3 Monate): keine aufgetreten.
- Objektiv radiologisch: Tumorvolumenverkleinerung in ca. 75 % der Fälle, stabiles Tumorvolumen in 10–20 %; kein Ansprechen/Progress in ca. 10 %, Abb. 2.
- Tumorverkleinerung durchschnittlich ca. 50 % (10 – 100 %), Abb. 3.
- LRT ist effektiv bei Karzinomen, Sarkomen wie auch bei Melanomen.
- Effekt im Mittel > 6 Monate, meist für den Rest der Lebenszeit anhaltend in der behandelten palliativen Kohorte mit einer mittleren/medianen Überlebenszeit von ~6–8 Monaten (1– 42), Abb. 4.
Relevanz für die Praxis
- LRT ist eine Kurzzeit-Therapieoption (1–5 Sitzungen) für Patienten/-innen mit sehr grossen inoperablen Tumoren – derzeit hauptsächlich in palliativer Indikation eingesetzt. Eine vorgängige
Bestrahlung der Läsionen oder Systemtherapien sind kein Hinderungsgrund für LRT. - Der LRT-Effekt scheint unabhängig von der histopathologischen Diagnose (Karzinom, Sarkom oder Melanom).
- Es kann mit einer subjektiven (PROM) und objektiven (radiologischen) Ansprechrate bei annähernd 80 % der Läsionen gerechnet werden.
- Die mittlere Volumenreduktion reagibler Läsionen beträgt ~50 % (10–100 %).
- Die Effektdauer scheint im Mittel 6 Monate und länger anzuhalten.
Disclosure Statement
Die Autorenschaft hat keine finanziellen oder anderen Interessenkonflikte.
Link zur Originalpublikation
Diagnosis-Related Outcome Following Palliative Spatially Fractionated Radiation Therapy (Lattice) of Large Tumors




Korrespondenzadresse
Prof. Dr. med. Gabriela Studer
Radio-Onkologie LUKS
Kantonsspital 37, 6004 Luzern
gabriela.studer@luks.ch