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«In der MS-Forschung kann ich kreativ sein»

Neurorehabilitation mit Virtual-Reality-Brillen ist eines der aktuellen Forschungsprojekte von Prof. Dr. med. Christian Kamm, Leiter des Multiple Sklerose Zentrums am Luzerner Kantonsspital (LUKS). Er findet es sehr befriedigend, ein selbst entwickeltes Produkt in der Hand zu halten, mit dem MS-Patientinnen und -Patienten trainieren können, wie er im Interview mit dem Magazin BrainMag aus dem Verlag medEdition erklärt.
19. Januar 2023
Lesezeit: 9 Minuten
Christian Kamm
Prof. Dr. med. Christian Kamm.

Warum wurden Sie Neurologe?

Dieses Fach interessiert mich vom Intellektuellen her am meisten – und ich bin kein praktischer Typ, ich habe lieber Kopfarbeit. Chirurgie wäre nichts für mich, ich habe weder die Fähigkeiten noch die Geduld, feine Handarbeiten zu machen. In der Schule gefielen mir Biologie, Chemie und Physik am besten – Fächer, wo ich etwas auswendig lernen konnte. Das lag mir immer sehr gut. In der Neurologie arbeitet man eher theoretisch. Kommt hinzu, dass das Gehirn das mit Abstand inte-ressanteste Organ ist. Die Neurologie ist des Weiteren eine extrem zukunftsträchtige Disziplin, denn wir verstehen noch ganz viel nicht, was im Gehirn abläuft. Da werden in der Medizin sicher-lich noch mit die meisten Fortschritte gemacht werden.

Inzwischen sind Sie Spezialist für Multiple Sklerose.

Die Immunologie hat mich bereits im Studium sehr interessiert. Und die Verbindung von Neurolo-gie und Immunologie führt unweigerlich zur Multiplen Sklerose – der immunologischen Para-dekrankheit in der Neurologie. Schon im zweiten Assistenzjahr war ich in der Multip-le­Sklerose­Sprechstunde tätig und habe erste Forschungsprojekte begonnen, und ich bin seit-dem bei der MS geblieben. Als ich vor 20 Jahren anfing, war es noch so, dass alle Neurologen alles  konnten. Jetzt haben wir klar abgesteckte Bereiche, die Spezialisierung hat extrem zugenommen.

Ihre letzten Publikationen zeigen deutlich, dass Sie sich sehr für Neurorehabilitation interessieren.

Zur Neurorehabilitation forsche ich seit meiner Zeit in Bern, immer noch mit denselben Kollegen. Dabei stehen jetzt die modernen Geräte im Mittelpunkt. So haben wir eine Studie gemacht zur Rehabilitation bei MS mit einem Trainingsprogramm auf einem iPad. Die Übungen können die Patientinnen und Patienten zuhause machen. Momentan interessiere ich mich für den Einsatz von Virtual-Reality-Brillen in der Neurorehabilitation. Bisher trainieren die meisten MS-Patienten bei-spielsweise einmal in der Woche eine halbe Stunde in einer physiotherapeutischen trainieren. Oder sie gehen einmal jährlich in eine stationäre Reha. Wer in der Nähe eines grösseren Spitals mit einer guten Neuro-Physiotherapie wohnt, erhält ein gutes Training. Aber wohnt jemand etwas abgele-gen, sieht die Situation komplett anders aus. Mit Virtual Reality können die Leute zu Hause selbst-ständig trainieren, unabhängig vom Wohnort und von der Situation vor Ort.

Wie muss man sich das vorstellen?

Im Trend ist es Gamification. Keine trockenen Übungen, sondern spielerische Trainings, die Spass machen. In einer laufenden Studie hat ein Start­up Spiele programmiert, bei denen Sensoren die Hände der Patienten tracken und sie dann etwa Bälle fangen müssen oder Gegenstände anmalen. Bisher haben wir sechs Übungen erarbeitet. Es geht los mit kleinen Greifbewegungen, die umfas-sender werden, und endet mit grösseren Armbewegungen.

Richten sich die Übungen an Personen mit einer Behinderung?

Ja. Man könnte aber auch präventiv wirkende Spiele für MS-Betroffene ohne Behinderung entwi-ckeln. Optimal wäre es, wenn wir den Patienten zu einem frühen Zeitpunkt im Krankheitsverlauf sagen könnten, dass sie jetzt mit solchen Trainings beginnen sollten. Dafür bräuchte es aber ande-re anspruchsvollere Übungen. Hätten wir ein Team von 50 Leuten, könnten wir in einem halben Jahr wahrscheinlich zig Programme erarbeiten.

Ist der Krankheitsverlauf besser, wenn MS-Betroffene regelmässig trainieren?

Ja, dazu gibt es in den letzten zehn Jahren gute Studien mit herkömmlicher Physiotherapie. Unser Projekt spezialisiert sich momentan auf das Training von Händen und Armen, dazu gibt es bisher recht wenig. Aber entsprechende Programme werden kommen, da offensichtlich ist, dass sie et-was bringen. Die Virtual-Reality-Übungen haben ja auch den Vorteil, dass die Kameras erfassen, wie sauber die Bewegungen ausgeführt werden – dies liesse sich auswerten. Was diese Brillen können, ist unglaublich. Ich bin sicher, dass sie in der Medizin in der Zukunft immer öfter ge-braucht werden.

Training ist bei MS also ein präventiver Faktor – gibt es noch weitere?

Das Wichtigste ist, früh mit einer prophylaktischen MS­Therapie zu beginnen, die den zukünftigen Verlauf der Erkrankung deutlich verbessern kann. Hierfür vor allem in den letzten zehn Jahren zahl-reiche Medikamente auf den Markt gekommen. Mit diesen lässt sich oft eine vollständige Krank-heitskontrolle erreichen, insbesondere wenn man früh konsequent therapiert. Zusätzlich führt ein gesunder Lebensstil in der Regel zu einem besseren Verlauf. Risikofaktoren wie Übergewicht, Di-abetes oder Bluthochdruck beeinflussen auch die MS negativ. Auf diese Risikofaktoren können wir Spezialisten uns zusätzlich fokussieren. Auch eine regelmässige Einnahme von Vitamin D wird empfohlen. Wenn heute bei jemandem eine MS diagnostiziert wird und man gleich mit der richtigen Therapie beginnt, hat diese Person – gemäss jetzigem Wissensstand – sehr gute Aussichten auf ein fast normales Leben. Leider haben wir noch keine Langzeitdaten.

Wie war das vor 20 Jahren, als Sie als Assistenzarzt anfingen?

Es gab nur zwei Medikamentengruppen, die den Verlauf der Krankheit im Vergleich zum Nichts-tun verbesserten – immerhin. Ab 2009 kamen schlagartig potente Wirkstoffe auf den Markt, die in einer ganz anderen Liga spielen und mit denen sich die Krankheit bei frühem Therapiebeginn deutlich verbessern oder stoppen lässt. Das ist schon sensationell. Heute können wir nur noch bei relativ wenigen Patientinnen und Patienten keine Krankheitskontrolle erreichen. 

Wie erleben das die Betroffenen selbst?

Sie merken im Verlauf der Therapie meist, dass man etwas sehr Relevantes gegen die Erkran-kung machen kann und gewinnen Selbstvertrauen in sich und die Therapie. Für viele wird die MS auch zu einer Art «Nebensächlichkeit», was gut ist. Bei manchen kommt es weiterhin zu Proble-men wie Krankheitsaktivität und Nebenwirkungen, meist jedoch nicht in einem Ausmass wie früher. Daher finde ich es wichtig zurückzuschauen – so kann man mehr schätzen, was der Fortschritt gebracht hat.

Welchen Stellenwert haben bei der MS Stammzelltransplantationen?

Die Transplantationen sind im Vergleich zu den Medikamenten nicht so gut untersucht. Bei den Medikamenten wurden ja weltweit randomisierte und placebokontrollierte Studien durchgeführt, doch bei der Stammzelltransplantation hat man es nie geschafft, eine solche Studie zu machen. In der Schweiz ist die Stammzelltransplantation dennoch zugelassen. Sie wird aber nur in Zürich an-geboten, wo ein Register geführt wird. Die Meinungen gehen zum Teil aus­ einander, bei welchen Patientinnen und Patienten eine Transplantation etwas bringt. 

Wie wichtig sind Register für die MS-Forschung? 

Sie haben einen grossen Stellenwert. Ich bin Mitglied im Komitee des Schweizer Multip-le­Sklerose­ Registers. Eine der Fragen, mit denen wir uns beschäftigen, klingt banal: Wie viele MS-Betroffene gibt es? Die Antwort ist entscheidend, damit es ein genügend grosses Therapiean-gebot gibt. Auch die Qualität der Versorgung ist ein wichtiger Aspekt: Hängt sie davon ab, ob je-mand in der Stadt oder auf dem Land wohnt? Wo werden welche Therapien angeboten? Wir wol-len mit diesen in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen MS­Gesellschaft versuchen, das Le-ben von MS-Patienten zu verbessern. Ich bin schon seit vielen Jahren dort im Medical Advisory Board. Für mich persönlich sind meine Tätigkeiten ein ideales Gesamtpaket: Ich betreue Patienten, forsche und versuche, auch politisch etwas für MS-Betroffene zu bewirken.

Was davon machen Sie am liebsten?

Forschung. Sie ist ein Grund, warum ich im Spital bleibe, sie ist das Salz in der Suppe. Ob Virtu-al­Reality­Brille, epidemiologische Studie oder andere Projekte wie nun im Rahmen von Covid-19 – in der Forschung kann ich kreativ sein. Das tägliche Business hat ja meistens wenig mit Kreativität zu tun. Ich finde es sehr befriedigend, dass ich mit der Virtual- Reality-Brille und dem Computer-programm erstmals ein selbst entwickeltes Produkt in der Hand halte.

Sie waren lange in Bern tätig, jetzt in Luzern: Welches sind die Unterschiede?

In Bern hatten wir im Bereich der MS ein grosses universitäres Team. Hier in Luzern ist das Team deutlich kleiner. Das bedeutet, dass die MS­Sprechstunde oder das MS­Zentrum viel mehr von mir abhängt, und ich habe mehr Gestaltungsmöglichkeiten. Die Entscheidungshoheit liegt meist bei mir: Wenn ich es gut mache, kommt es gut, wenn nicht, dann nicht. Das hat auch seinen Reiz und ich habe hier viel gelernt.

Persönliche Fragen an Christian Kamm

Wie sieht Ihr Feierabend aus?

Ich habe wenig Freizeit, und einen Feierabend gibt es eigentlich nicht, weil die Arbeit zu Hause mit an­deren Dingen weitergeht. Aber ich versuche, einen Ausgleich zu haben und beispielsweise in den Ferien abzuschalten und etwas anderes zu machen. Wasser­sport ist für mich sehr wichtig. Früher ging ich Wind­surfen, heute segle ich. Ich habe ein Segelboot, da bin ich mit der Familie an den Sommerwochenenden häufig. Die Entscheidung, von Bern nach Luzern zu kommen, hat auch damit zu tun: Hier habe ich wieder einen See. Im Winter fahre ich Ski und Snowboard.

Haben Sie noch andere Hobbys?

Leider nicht, dafür fehlt mir momentan einfach die Zeit. Früher spielte ich gut Tischtennis. Ich versuchte, hier wieder damit anzufangen, musste aber nach drei Monaten aufhören, weil ich es nicht schaffte, neben dem Nachtdienst, den Advisory Boards und den Kongressen die Termine einzuhalten. Aber so geht es natürlich vielen Menschen, die berufstätig sind und Kinder haben.

Sie haben drei Kinder – wie organisieren Sie und ihre Frau sich?

Jetzt wird es einfacher, je grösser die Kinder werden. Früher war das unglaublich schwierig. Meine Frau ist Holländerin, und in Holland hat man diesbezüglich eine komplett andere Kultur als in der Schweiz: Man gibt die Kinder im Alter von drei Monaten ab. Wir hat­ten eine Phase, in der das Zeitmanagement der Kinder nur mit diversen Hilfen wie morgendlicher Betreuung vor der Schule, Mittagstisch, Nachmittagsbetreuung etc. möglich war, wenn wir beide am selben Tag arbei­teten. Finanziell hat sich das häufig kaum mehr gelohnt oder war sogar ein Minusgeschäft.

Welches ist Ihre Familiensprache?

Holländisch und Hochdeutsch. Meine Kinder spre­chen auch einwandfrei Schweizerdeutsch. Ich bekom­me davon witzigerweise aber gar nicht so viel mit. Ich höre es nur dann, wenn sie Freunde mitbringen, denn mit meiner Frau sprechen sie Holländisch, mit mir Hochdeutsch.

Haben Sie einmal in Holland gelebt?

Ja, ich war mit der Familie für ein Jahr in Amsterdam, für einen Forschungsaufenthalt. Die Belastung war aber enorm. Wir zogen komplett um und bekamen in Amsterdam noch unser jüngstes Kind. Nach drei Monaten, als wir eingerichtet waren, mussten wir uns schon wieder um eine Wohnung in Bern bemühen. Gleichzeitig musste ich schauen, dass die Forschungs­projekte laufen, und in diese Zeit fiel die Habilitation, also musste ich von Amsterdam aus Dinge für Bern machen. Und das alles mit drei kleinen Kindern … Die Jahre vor, während und nach Amsterdam arbei­tete ich insgesamt wohl am meisten.

In Holland zu bleiben wäre keine Option gewesen?

Nein, es gefiel mir sehr gut in Bern, ich wurde in der Klinik auch stark unterstützt. So etwas findet man nicht überall. Und auch hier in Luzern sind wir gut integriert. Im Prinzip würde ich gerne nochmals ein Forschungsjahr machen, ich wäre sicher entspannter und koordinierter als vor acht Jahren. Aber wir wol­len die Kinder nicht aus ihrem Umfeld herausreissen. Es ist gut, wie es ist.
 

Interview Dr. med. Eva Ebnöther, BrainMag, Verlag medEdition. Diese Fassung ist leicht gekürzt.

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