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Gesundheit fördern, bevor Krankheiten entstehen

Warum die ersten Lebenswochen für die langfristige Gesundheit wichtig sein könnten. Eine internationale Expertengruppe fordert einen Perspektivenwechsel in der Prävention chronischer Krankheiten.
18. September 2026
Lesezeit: 4 Minuten
kinderintensiv stocker

Viele chronische Krankheiten wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes oder Übergewicht treten erst Jahrzehnte nach der Geburt auf. Prävention setzt deshalb meist dort an, wo erste Risikofaktoren sichtbar werden: bei Ernährung, Bewegung oder anderen Einflüssen im Jugend- und Erwachsenenalter. 

Eine internationale Forschungsgruppe unter Beteiligung von Forschenden des Kinderspitals Zentralschweiz und der Universität Luzern richtet den Blick nun deutlich weiter zurück. In einer im renommierten Fachjournal Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) veröffentlichten Arbeit argumentieren die Autorinnen und Autoren, dass die Förderung langfristiger Gesundheit bereits rund um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebenswochen beginnen sollte. 

Ein bisher wenig genutztes Zeitfenster 

Die Zeit von der Empfängnis bis in die ersten Wochen nach der Geburt ist eine Phase aussergewöhnlich schneller Entwicklung. In dieser Zeit entstehen und reifen wichtige biologische Systeme. Dazu gehören beispielsweise das Immunsystem, Stoffwechselprozesse, die Darmflora sowie verschiedene Regulationsmechanismen des Körpers.  

Auch Ernährung, Umweltfaktoren und frühe Beziehungserfahrungen können die Entwicklung eines Kindes beeinflussen. Die Forschenden sehen darin ein bislang noch wenig genutztes Zeitfenster für Gesundheitsförderung. «Wir müssen Gesundheit stärker denken, bevor Krankheit entsteht», sagt Prof. Martin Stocker, Neonatologe am Kinderspital Zentralschweiz und einer der wissenschaftlichen Leiter der Publikation. «Entscheidungen rund um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebenswochen müssen zunächst das bestmögliche unmittelbare Ergebnis erzielen. Gleichzeitig sollten wir systematischer berücksichtigen, welche Bedeutung sie für langfristige Gesundheitsverläufe haben können.»  

Gesundheit ist nicht vorbestimmt 

Die Forschenden betonen jedoch, dass die spätere Gesundheit eines Menschen nicht bereits bei der Geburt festgelegt wird. Ernährung, Bewegung, soziale Bedingungen, Umweltfaktoren und weitere sensible Entwicklungsphasen bleiben während des gesamten Lebens wichtig. Die ersten Lebenswochen sind deshalb kein Schicksal. Sie könnten aber eine zusätzliche Chance sein, Gesundheit frühzeitig zu fördern. 

Gerade diese Einordnung ist den Autorinnen und Autoren wichtig: Ziel ist nicht, Eltern unter Druck zu setzen oder Verantwortung für spätere Erkrankungen zuzuschreiben. Vielmehr geht es darum, besser zu verstehen, wie Medizin und Gesundheitsversorgung Kinder von Anfang an bestmöglich unterstützen können.  

Was bedeutet das konkret? 

Viele Entscheidungen am Lebensanfang dienen heute in erster Linie der unmittelbaren Gesundheit von Mutter und Kind. Die Publikation regt an, zusätzlich mögliche langfristige Auswirkungen mitzudenken.  

Dazu gehören beispielsweise: 

  • ein gezielter Einsatz von Medikamenten und Antibiotika 
  • die Vermeidung medizinisch nicht notwendiger Eingriffe 
  • eine optimale Ernährung von Mutter und Kind 
  • die Förderung des Stillens 
  • eine familienzentrierte und entwicklungsfördernde Betreuung 

Diese Massnahmen werden bereits heute aus medizinischen Gründen eingesetzt. Die Forschung untersucht nun zusätzlich, welche Bedeutung sie für die langfristige Gesundheit haben könnten.  

Ein Perspektivenwechsel in der Prävention 

Neu ist nicht die Erkenntnis, dass frühe Lebensbedingungen wichtig sein können. Neu ist der Versuch, biologische, medizinische, ernährungsbezogene und psychosoziale Erkenntnisse in einem gemeinsamen Konzept zusammenzuführen.  Die Autorinnen und Autoren schlagen vor, Gesundheit nicht nur als Abwesenheit von Krankheit zu betrachten. Gesundheitsförderung soll stärker über die gesamte Lebensspanne hinweg gedacht werden. Dabei stellt sich auch die Frage, wie Investitionen in frühe Gesundheitsförderung langfristig wirken können – für Kinder, Familien, das Gesundheitswesen und die Gesellschaft.  

Viele Fragen sind noch offen 

Die Publikation versteht sich nicht als abschliessende Antwort, sondern als Forschungsagenda. 

Noch nicht geklärt ist beispielsweise, welche Faktoren besonders wichtig sind, welche Wirkungen langfristig bestehen bleiben und welche Massnahmen den grössten Nutzen haben. Um diese Fragen zu beantworten, braucht es langfristige Studien und die Zusammenarbeit verschiedener Fachgebiete. 

Digitale Gesundheitsdaten, neue Sensortechnologien und Methoden der künstlichen Intelligenz könnten künftig helfen, solche Zusammenhänge besser zu verstehen und wirksame Strategien für die Gesundheitsförderung zu entwickeln. 

Warum das Thema aktuell ist 

Am 17. September findet jeweils der jährliche World Patient Safety Day der Weltgesundheitsorganisation WHO statt. 2026 steht dabei die sichere Versorgung von Menschen mit nichtübertragbaren Krankheiten im Mittelpunkt. 

Die neue Publikation ergänzt diese Diskussion um eine zusätzliche Perspektive: Neben der Frage, wie chronische Krankheiten sicher und wirksam behandelt werden können, sollte auch untersucht werden, wie ihre spätere Krankheitslast möglichst früh reduziert werden kann. 

Publikation 
Stocker M. et al. Promotion of long-term health in early life. Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), 2026. 

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