Hebammen erleben mit jeder Geburt eine eigene Geschichte

Willisauer Bote - Beim grössten Wunder der Menschheit dabei zu sein, ist für Nadja Seematter, Abteilungsleiterin Geburtshilfe am Luzerner Kantonsspital (LUKS) Wolhusen, ein grosses Privileg. Hebamme zu sein, ist für sie Berufung und Erfüllung zugleich. Über 700 Geburten hat sie in ihren 14 Berufsjahren begleiten dürfen. Und keine war wie die andere.

5. Mai 2021

Lesezeit: 5 Minuten
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Seelenruhig schläft das zwei Tage alte Baby Lisa auf dem Arm der Hebamme Nadja Seematter. Die Angespanntheit der Geburt ist längst verflogen. Das Licht der Welt zeigt sich von seiner innigsten und schönsten Seite. Ein Glücksmoment für die Hebamme, die augenzwinkernd auch auf ihr farbenfrohes Schlüsselband mit dem Slogan «Don't google with a Kugel! – Dafür gibt's uns Hebammen» hinweist. Hebammen begleiten und beraten die werdenden Mütter ja auch in hektischen Momenten mit ihrer ruhigen und überlegten Art viel besser als der Internet-Suchdienst Google. Sie erkennen Risikosituationen und können auch weitere Fachpersonen beiziehen. So auch am LUKS Wolhusen, wo jedes Jahr durchschnittlich zwischen 400 und 450 Kinder auf die Welt kommen. Zehn Hebammen arbeiten abwechselnd im Schichtbetrieb in der Gebärabteilung, die von Nadja Seematter geleitet wird.

«Berufung und ein grosses Geschenk»

«Hebamme zu sein ist für mich eine Berufung und ein grosses Geschenk», strahlt die knapp Vierzigjährige. Aufgewachsen ist sie im Walliser Bergdorf Törbel und später in Dagmersellen. In den Jugendjahren verdichtete sich bei ihr der Wunsch, Ärztin zu werden. Besonders die Embryologie während des ersten Studienjahres an der Universität Fribourg hatte es ihr angetan. In einem medizinischen Beruf eine tragende Rolle zu haben, aber nicht die äusserste Verantwortung zu übernehmen, stand für sie immer mehr im Fokus. Zudem wollte die junge Medizinstudentin mit ihrer Empathie Patientinnen und Patienten über einen längeren Zeitraum begleiten und ihnen nahestehen.

«Hebamme zu sein, hat in der Gesellschaft einen gewissen Zauber inne», lächelt Seematter und schildert den sich damals abzeichnenden Wechsel zu ihrem Traumberuf. «Nach vier Semestern Medizin besuchte ich die Hebammenschule in St. Gallen, die drei Jahre dauerte. Die blockweise theoretische und praktische Ausbildung in verschiedenen Spitälern gefiel mir sehr und bestärkte mich, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.» Nach den Lehr- und Wanderjahren ist die Hebamme seit 2010 am LUKS Wolhusen tätig.

Wetterwechsel bedeutet oft Blasensprungwetter

Jede Geburt hat ihre eigene Geschichte. «Prägnante Wetterwechsel wie der erste Schnee oder ein langersehntes Sommergewitter sind bei uns oft Blasensprungwetter», schmunzelt Seematter. Besonders wichtig ist es, dass die Schwangeren auf ihr Bauchgefühl und ihre Instinkte hören. Der Satz einer sehr erfahrenen Hebamme, dass man eine Frau nicht vaginal untersuchen muss, um zu wissen, wie weit der Geburtsvorgang fortgeschritten ist, klingt bei Seematter nach. Schwierig ist es, wenn Paare Wünsche äussern, die leider nicht erfüllt werden können. Dass ihr Kind kurz und schmerzlos auf die Welt kommt, ist bei der ersten Geburt schlichtweg nicht realistisch. Zwar ist es ein physiologisch normaler Prozess, doch die Geburtsarbeit ist herausfordernd.

«Es gibt Frauen, die mit dem Schmerz sehr positiv umgehen können», berichtet Seematter. «Lachgas hat zu dessen Linderung wieder Platz in der Geburtshilfe gefunden. Ebenso stehen diverse Medikamente wie auch die Homöopathie, die Aromatherapie und die Akupunktur zur Verfügung.» Besonders ist die Hebammenkunst bei Beckenendlagen gefragt. Das LUKS Wolhusen ist eines der wenigen Spitäler der Region, das solche Spontangeburten bei Steisslagen unter gewissen Voraussetzungen anbietet. Kaiserschnitte kommen erst dann zum Zug, wenn die Not es erfordert. So etwa, wenn ein Geburtshindernis besteht oder kindliche Herztöne Sorgen bereiten. Der elterliche Wunsch nach einem geplanten Kaiserschnitt ist auf dem Land nicht so ausgeprägt. Aber schweizweit sind insgesamt 32.3 Prozent aller Geburten Kaiserschnittgeburten.

Es liegt den Männern sehr am Herzen, ihre Frauen zu unterstützen.

Nadja Seematter, Abteilungsleiterin Geburtshilfe am Luzerner Kantonsspital (LUKS) Wolhusen

Das Alter der Gebärenden am LUKS Wolhusen bewegt sich zwischen 17 und zirka. 43 Jahren. Der Altersdurchschnitt der Erstgebärenden liegt bei jeder dritten Frau schweizweit über 35. Wohl sind die Geburten selber nicht risikoreicher, aber gewisse Begleiterscheinungen wie zum Beispiel Bluthochdruck und Diabetes treten häufiger auf, sodass eine gute Betreuung während der Schwangerschaft und Geburt unabdingbar ist.

Vermittlerin auch in schwierigen Momenten

Als Hebamme ist Nadja Seematter auch Vermittlerin zwischen den Ärzten und Eltern. Herausfordernd wird es vor allem dann, wenn sprachliche Barrieren bestehen und mit der Schwangeren mit Händen und Füssen kommuniziert werden muss. Zeigen Ultraschallbilder Unregelmässigkeiten beim Wachstum eines Embryos auf, dann erfolgt die Feindiagnostik direkt im LUKS Luzern, wo die hochspezialisierte Medizin der Pränataldiagnostik zur Anwendung kommt. «Wir begleiten in Wolhusen auch Frauen mit Spätaborten und Totgeburten. Das ist für sie sehr einschneidend und wir unternehmen alles, um die leidgeprüften Paare zu unterstützen», fügt Seematter mitfühlend bei.

Dann kümmern sich optimalerweise eine zusätzliche Hebamme und Seelsorger intensiv um die Eltern. Nach der Geburt angefertigte Fotos dieser Sternenkinder durch den gemeinnützigen Verein «Herzensbilder» helfen in diesen schweren Stunden. Freud und Leid können bei Geburten nahe beieinander sein. «Wir Hebammen verdrücken auch mal eine Träne, wenn 1 bis 2 Jahre später den leidgeprüften Paaren ein gesundes Kind geschenkt wird und wir das Neugeborene in die Arme schliessen können», freut sich die Abteilungsleiterin der Geburtshilfe.

«Vater werden ist nicht schwer, Vater sein dagegen sehr», lautet eine der bekanntesten Redensarten. Doch, wie steht es um die Männer im Gebärsaal? «Es liegt ihnen sehr am Herzen, ihre Frauen zu unterstützen. Oft sind sie aus Verlegenheit auf die technischen Geräte fixiert, fühlen sich zum Teil etwas verloren und fragen nach, was sie genau tun können», schmunzelt Seematter. Doch das Dasein des Mannes, um seine Frau beim Gebären mental zu unterstützen, ist sehr wertvoll. Forscher gehen auch davon aus, dass gerade die ersten Augenblicke nach der Geburt für die Entwicklung einer intensiven Bindung zwischen Eltern und Kind prägend sind. Der Hautkontakt des Babys («Bonding») auf dem Bauch von Mutter und Vater erfüllt seine Sehnsucht nach Wärme und Geborgenheit. Erst muss es sich vom einschneidenden Erlebnis der Geburt erholen und selbst die Eltern können so besser durchatmen.

Beim Gottenkind emotionaler als sonst

Unvergessen bleibt Seematter, als sie ungeplant bei der Kaiserschnittgeburt ihres Gottenkindes Timon dabei war. «Es war viel emotionaler und anstrengender als sonst. Ich muss wohl ziemlich verzaubert ausgeschaut haben, sodass mich der Anästhesiearzt besorgt nach meinem Befinden fragte», lacht die lebensfrohe Hebamme noch heute. Immer wieder durfte sie auch Paare bei mehreren Geburten begleiten. Hebamme zu sein, ist und bleibt ihr Traumjob.

Dieser Artikel erschien am 4. Mai 2021 im «Willisauer Bote»

Der Internationale Hebammentag wird seit 1991 am 5. Mai begangen, um Hebammen und ihre Arbeit zu ehren und auf ihre Bedeutung die Gesellschaft hinzuweisen.

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