Menschen mögen musikalische Momente

Am Luzerner Kantonsspital gibt es seit einem Jahr ein kunsttherapeutisches Angebot. Musiktherapeutin Eliane Lauber begleitet Patientinnen und Patienten in besonderer Lage. «Es ist eindrücklich zu erleben, wie mit der Musik Raum für Emotionen geschaffen werden kann.»

26. April 2022

Lesezeit: 4 Minuten
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Eliane Lauber bei einer Musiktherapie-Sitzung.

Eliane Lauber arbeitet seit Februar 2021 in einem 40-Prozent-Pensum am Luzerner Kantonsspital (LUKS). Das Angebot wird von der Stiftung Art-Therapie finanziert. Aufgrund der vielfältigen Arbeitsfelder seien die zwei Tage im Spital jeweils sehr abwechslungsreich und Spontaneität und Kreativität gefragt, erzählt sie in unserem Interview.

Eliane Lauber, wer sind Ihre Patientinnen und Patienten.

Ich behandle im Kinderspital Frühgeborene, Kinder mit onkologischen Erkrankungen und Jugendliche mit psychosomatischen Erkrankungen. Zusätzlich begleite ich in der Frauenklinik Frauen mit besonders anspruchsvollen Schwangerschaften sowie mit bösartigen Erkrankungen.

Wie wurden Sie am LUKS aufgenommen?

Ich bekam 2021 die Gelegenheit, diese Stelle aufzubauen, und bin dabei auf grosse Offenheit und Unterstützung gestossen. Gleichzeitig war es eine Herausforderung, mein Angebot in den dichten Spitalalltag einzufügen und das Angebot zusammen mit den unterschiedlichen Abteilungen so zu organisieren, dass möglichst viele Kinder und Frauen profitieren können.

Gibt es einen typischen Tagesablauf?

Nein. Aufgrund der vielfältigen Arbeitsfelder sind meine zwei Tage jeweils sehr unterschiedlich. So biete ich etwa Frühgeborenen Halt und Ruhe durch Summen und Berührung. Hier ist auch die Elternarbeit zentral. Ich zeige Eltern, wie sie ihr Kind im oftmals hektischen Alltag auf der Neonatologie beruhigend begleiten können. Bei dieser sehr ruhigen Arbeit stelle ich immer wieder fest, wie leises Summen Ruhe und Entspannung in die ganze Abteilung bringen kann. Bei Jugendlichen nutzen wir Instrumente zum nonverbalen Ausdruck von Emotionen oder stellen Playlists zur Spannungsregulierung zusammen. Und die Patientinnen in der Frauenklinik suchen eher Entspannung sowie einen Moment, in welchem sie mit sich selbst in Kontakt kommen.

Wie können wir uns das konkret vorstellen?

In der Gynäkologie treffe ich etwa auf Frauen, welche aufgrund einer onkologischen Erkrankung mit existentiellen Fragen sowie Ängsten, Trauer oder Wut konfrontiert sind. Hier kann eine Klangentspannung Raum bieten, um sich neu zu sortieren, Trauer zuzulassen und neue Perspektiven zu schaffen. In einem anderen Moment kann gemeinsames Trommeln der Wut Ausdruck verleihen. Erlebt eine Frau in der Musik, dass sie handlungsfähig ist, kann das helfen, sich in der aktuellen Krisensituation an die eigenen Ressourcen zu erinnern. So individuell wie die Frauen sind, so individuell gestaltet sich die Musiktherapie.

Ist das bei Schwangeren, die eine intensive Betreuung brauchen, ähnlich? Welche Herausforderungen treffen Sie dort an?

Auf der Pränatal-Abteilung erleben Frauen trotz einer ganz anderen Situation sehr ähnliche Gefühle. Frauen mit besonders anspruchsvollen Schwangerschaften sind oft konfrontiert mit Trauer, Verunsicherung oder schwindendem Vertrauen in den eigenen Körper. Hinzu kommt zusätzlich die Angst um das Leben ihres ungeborenen Kindes.

Wie kann Musiktherapie in diesen schwierigen Situationen helfen?

Ich denke an eine Frau, welche in der 25. Schwangerschaftswoche erfährt, dass ihr Kind viel zu früh zur Welt kommen wird. Sie ist gedanklich und emotional noch nicht so weit. Während einer Klangentspannung kann sie einen Moment loslassen, ihren Körper erstmals wieder positiv wahrnehmen und Kontakt zu ihrem Kind aufnehmen. Oder die junge Frau, welche aus ihrem Heimatland geflüchtet ist und erst seit kurzem in der Schweiz lebt. Als ich sie kennen lerne, liegt sie schon länger auf der Pränatal-Abteilung und zeigt Anzeichen einer Depression. Sie lässt sich durch Rap-Musik aus ihrem Heimatland abholen und nimmt überrascht wahr, dass ihr Kind die Musik und ihre Stimme bereits hören kann. So entsteht ein erster zaghafter Kontakt zum Ungeborenen und der Wunsch nach Singen von Kinderliedern. Wir suchen gemeinsam im Internet nach Liedern aus ihrer Kindheit und in ihrer Muttersprache.

Sie arbeiten auch mit Kindern und Jugendlichen. Machen Sie hier andere Erfahrungen?

Bei den Kindern läuft alles viel direkter. Im gemeinsamen Spiel wird inneres Erleben ausgedrückt, Neues ausprobiert und ein Stück Normalität ins Spital geholt. Bei Jugendlichen mit psychosomatischen Erkrankungen reflektieren wir gemeinsam, erkunden Gefühle und verknüpfen das Erlebte mit dem Alltag. Dabei fragen wir uns: Getraue ich mich so laut zu spielen, dass mich die anderen hören? Wie finde ich heraus, was ich mag? Welchen Song höre ich, wenn ich mich einsam fühle? Wir nutzen die Musik, um neues Verhalten zu erproben und Veränderungen im Alltag zu ermöglichen.

Was nehmen Sie aus diesen Begegnungen mit? Welche Bilanz ziehen Sie nach einem Jahr Musiktherapie am LUKS?

Es sind die zahlreichen, berührenden Momente, welche mir zeigen, wie wertvoll die Arbeit als Musiktherapeutin im Spital ist. Das Angebot ist oft ausgebucht. Das zeigt, wie sehr Musiktherapie als wertvolle Ergänzung zur medizinischen Behandlung geschätzt wird, da sie Menschen in herausfordernden Situationen auf der emotionalen und seelischen Ebene begleiten kann.

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