Operieren, wo der Kaffee wächst

Swiss Knife - Drei Oberärzte des LUKS haben einen mehrmonatigen Einsatz in Äthiopien geleistet. Ziel war, die Arztkollegen vor Ort mit ihrer Erfahrung zu unterstützten und auszubilden und gleichzeitig selber Patienten zu operieren. Dabei erlebten sie allerlei Unerwartetes. So übernehmen dort Angehörige von Patienten deren Pflege und Betreuung. Handkehrum lernten die LUKS-Ärzte für sie neue Verletzungsmuster kennen.

1. April 2021

Lesezeit: 8 Minuten
Dr. Fischer beim geduldigen Sortieren von Schrauben. Ordnung zu halten, sollte sich als eine der grössten Herausforderungen für uns herausstellen

Dr. Fischer beim geduldigen Sortieren von Schrauben. Ordnung zu halten, sollte sich als eine der grössten Herausforderungen für uns herausstellen.

Zirka 250 Kilometer südwestlich von Addis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, befindet sich die Provinzstadt Jimma, welche einst die Hauptstadt der Region Kaffa (Ursprung des Kaffees) war. Im Jahr 2006 eröffnete am Universitätsspital Jimma das erste unfallchirurgische Zentrum im Südwesten Äthiopiens. Nach wie vor ist es die einzige unfallchirurgische Anlauf- und Versorgungsstelle für rund 15 Millionen Menschen in dieser Region Äthiopiens. In einem Gemeinschaftsprojekt mit dem Medical Center der Universität Jimma und der Schweizer Stiftung Gostar (www.gostar.ch) wird jedes Jahr unfallchirurgischen Fachärzten aus der Schweiz ein mehrmonatiger Einsatz in Jimma ermöglicht. Bei dem Einsatz besteht zum einen das Ziel, durch unsere unfallchirurgische Fachexpertise die äthiopischen Kollegen zu unterstützen und auszubilden, zum anderen die Patienten operativ zu versorgen. 

Bevor Covid-19 unseren Alltag bestimmen sollte, durften drei Oberärzte aus dem Luzerner Kantonsspital für jeweils drei Monate die Herausforderung Jimma kennenlernen. Wir alle haben unsere komplette chirurgische Ausbildung in der Schweiz absolviert und waren gespannt, was uns auf dieser Reise erwarten würde. Das Abenteuer startete für jeden von uns bereits vor der Abreise. In der Vorbereitungsphase auf den Einsatz wurde sich jeder schnell bewusst, dass die kommenden Monate unter dem Motto «weniger ist mehr» stehen würde. 

Vom Flughafen Zürich aus und mit bis zum Rand mit Material (Platten, Schrauben, Instrumente, Nahtmaterial, Desinfektionsmittel, sterile Handschuhe usw.) bepackten Koffern traten wir unsere Reise an. Die wenigen Lücken im Gepäck wurden mit einigen persönlichen Gegenständen ausgefüllt. Über Frankfurt oder Wien erreicht man nach einem 6- bis 7-stündigen Flug mit der Äthiopien Airline die Hauptstadt Addis Abeba. Bereits der Transit vom internationalen Flughafenbereich zum Flughafenbereich für Inlandsflüge stellte eine erste Herausforderung dar und verlangte Improvisation. Da der Transferdesk geschlossen und die Immigration durch die Zollbehörden nicht besetzt war, fand man sich wenige Schritte später mitten auf dem Rollfeld des Flughafens wieder. Einen freundlichen Mitarbeiter des Bodenpersonals beunruhigte das überhaupt nicht. Auf Nachfrage, wie man am besten zum Terminal für Inlandsflüge kommen könne, empfahl er, man solle doch einen Transfer-Bus an den Gates anhalten und den Fahrer bitten, zum Terminal für Inlandsflüge zu fahren. Der Pass wurde dann doch kurzerhand auf dem Rollfeld gestempelt und das Visum erteilt. Es ging also per Anhalter weiter zum Anschlussflug.

Auf dem zirka 50-minütigen Flug von Addis Abeba nach Jimma hat man bereits die Gelegenheit, die Gastfreundschaft der Äthiopier kennenzulernen. Meist wurde man kurzerhand von sämtlichen Sitznachbarn eingeladen, die mitgebrachten einheimischen Speisen zu testen. Äthiopier essen selten alleine und teilen ihr Essen, indem einfach von einem grossen Teller gegessen wird. Besteck sucht man dabei vergeblich.

Am Flughafen in Jimma warten vor dem Terminal statt reihenweisen Taxis eine Handvoll Bajajs (dreirädrige Mofas) auf ihre Kunden. Solange man dem Fahrer das Beladen seines Bajaj überlässt, wird man erstaunt sein, was so alles an Gepäck in diese kleinen Bajajs reinpasst.

In Jimma selbst wurden wir jeweils im Gostar-Gästehaus durch Nighat und Habtamu, die beiden guten Seelen des Hauses, willkommen geheissen. Für die kommenden Monate waren sie unser Familienersatz. Nighat, die fürsorgliche Haushälterin und lokale Ansprechperson für die Organisation, hat stets für das leibliche Wohl gesorgt – und, am allerwichtigsten, täglich eine typisch äthiopische Kaffeezeremonie abgehalten. Habtamu kümmerte sich um Haus und Garten, zudem schützte er uns vor den wilden Affenbanden, die täglich am Haus herumlungerten und nur darauf warteten, Essbares zu stehlen.

Da Jimma auf zirka 1800 Metern über Meer liegt und eine wundervolle Natur zu bieten hat, sind wir regelmässig mit Habtamu in der Wildnis sowie auch zwischen den Wellblechhütten und Lehmhäusern der Einheimischen joggen gegangen. Nicht selten hatte man plötzliche eine Herde von Kindern an der Hand, die einen lachend auf dem Lauf begleiteten. Diese Ausflüge in der Natur waren sehr oft bei all dem Leid, Elend und Frust, dem man auf der täglichen Arbeit begegnete, ein Ausgleich für die Seele.

Mehr Angehörige als Patienten in Zimmern und Gängen

Von Anfang an war die Arbeit im Spital sehr facettenreich. Bereits beim Betreten des Spitalgeländes und spätestens beim Betreten der Zimmerflure stieg ein spezielles olfaktorisches Highlight in der Nase auf. Der Mix aus übel riechenden Wunden, uns anfangs fremdem Essen und grossen Müllbergen in jeder Ecke des Areals machten den Hauptteil dieses Geruchs aus. Da Patienten in Jimma darauf angewiesen sind, dass Angehörige die Pflege und Betreuung auf Station übernehmen, waren stets mehr Angehörige als Patienten in den Zimmern und Gängen anwesend; dazwischen ein oder zwei Pflegekräfte sowie wenige Assistenzärzte, die für den Stationsalltag der bis zu 65 Patienten verantwortlich waren.

Operieren wo der Kaffee wächst

Der Eingang zum Notfall des Universitätsspitals in Jimma. Bei Überfüllung werden die Türen geschlossen, sodass sich im Tagesverlauf immer mehr Menschenmassen auf dem Vorplatz einfinden, die hier teils tagelang ausharren und übernachten.

Der Tag im Spital fing für uns morgens um 8 Uhr mit einer Frühbesprechung an. Anschliessend wurde ein kleines gemeinsames Frühstück mit den äthiopischen Kollegen eingenommen, sodass um zirka 9 Uhr mit dem ersten Eingriff begonnen werden konnte. Ziel war es, am Tag zirka vier bis fünf Patienten zu operieren, im Notfall und bei hohem Patientenaufkommen auch an den Wochenenden. Dabei ging es darum, schwierige und komplexe Eingriffe mit den einheimischen Unfallchirurgischen gemeinsam zu versorgen. Deren Ausbildung stand immer an erster Stelle. Zudem wurden zweimal pro Woche gemeinsam eine Stationsvisite und eine ambulante Sprechstunde durchgeführt.

Viel Dankbarkeit und eine grosse Bereicherung

Zu keiner Zeit hatten wir unter den äthiopischen Kollegen Akzeptanzprobleme. Im Gegenteil, man war dankbar für die Hilfe und Unterstützung. Viele wunderten sich, warum wir freiwillig für diesen Einsatz nach Äthiopien kämen, wo wir es doch zu Hause in der Schweiz schöner hätten. Raus aus der Komfortzone, etwas zurückgeben oder eben auch mal die andere Seite der Welt kennenlernen – das sind einige unserer Motivationen als Antwort gewesen.

Die Monate in Jimma waren in jeder Hinsicht für alle eine Bereicherung, menschlich wie fachlich. Ein Ziel des Projekts ist es, unsere Expertise weiterzugeben und es somit den äthiopischen Ärzten zu ermöglichen, langfristig eine fundierte traumatologische Versorgung mit ihren eigenen Kapazitäten vor Ort aufrechtzuerhalten. Am Ende haben jedoch auch wir von unseren äthiopischen Kollegen viel gelernt. Wer von uns hätte anfangs gedacht, dass man ohne intraoperatives Röntgen Frakturen ordentlich versorgen kann.

Widrige Verhältnisse und ungewohnte Verletzungsmuster

Wir mussten lernen, unter widrigsten Umständen mit dem absoluten Minimum an Material zu arbeiten, täglich neu zu improvisieren und kreativ im Umgang mit den täglichen Problemen und Herausforderungen zu sein. Fehlender Sauerstoff oder Kompressen, verschwundene Implantate, kein Strom bis hin zu plötzlich fehlenden Anästhesisten während eines Eingriffs sind nur die Spitze des Eisberges. Ganz nebenbei: der Anästhesist musste angeblich zu einer Beerdigung, weswegen er keine Zeit mehr hatte, bis zum Ende des Eingriffs zu warten – dass der Patient aber noch in einer Vollnarkose war, störte ihn nicht, Auch Patienten, welche plötzlich samt Fixateur verschwanden und nach ein paar Tagen mit der Aussage, ich war mal eben zu Hause, wieder auftauchten, waren Teil dieses Abenteuers. 

Viele Verletzungsmuster waren für uns neu. Schwere Macheten oder Schussverletzungen, zu einem hohen Prozentsatz viele offene Frakturen oder marmorierte bzw. abgefaulte Extremitäten waren ein täglicher Anblick. Die dabei prekären und nicht vorstellbaren katastrophalen hygienischen Verhältnisse oder lange Anreisewege (bis zu mehreren Tagen) der Verletzten stellten uns oft vor Herausforderungen, die wir ohne unsere äthiopischen Kollegen, die sich das gewohnt waren, nur schwer hätten lösen können – und so war es ein spannendes und lehrreiches Miteinander.

Man könnte meinen, dass für viele Äthiopier der Arztberuf eine Art Ausweg aus der Armut und den einfachen Verhältnissen darstellt, aber das Gegenteil ist bei den meisten Ärzten der Fall. Viele hängen an ihrem Land und sind stolz auf dessen Geschichte. Sie wollen einen Teil dazu beitragen, dass Äthiopien sich weiterentwickelt, und planen nicht, ins besser zahlende Ausland zu gehen. Sie nehmen jederzeit die Hilfe durch ausländische Organisationen an und wenden vermitteltes Wissen an. Noch heute haben wir zu vielen unserer äthiopischen Kollegen Kontakt, beraten sie via Telegram, einem Äquivalent zu WhatsApp, zu unfallchirurgischen Fällen, die sie mit uns teilen.

Umstellung verlangte viel Kraft

Nicht nur die tägliche Arbeit im Spital wird uns in Erinnerung bleiben. Durch zahlreiche Ausflüge mit Kollegen durften wir die atemberaubende Schönheit und Natur des Landes kennenlernen. In der nahen Umgebung Jimmas findet sich eine Art Dschungel mit traumhaften Stellen, wie man sie höchstens aus Dokumentarfilmen oder Geo-Heftenkennt.

Die ersten Wochen in Jimma waren für jeden von uns hart, aus einem medizinisch und kulturell hochentwickelten Land wie der Schweiz in die absolute Armut eines Entwicklungslandes zu reisen, verlangte in den ersten Tagen viel Kraft. Die liebevolle und offenherzige Art der Äthiopier machte es uns jedoch sehr schnell möglich, sich zu integrieren und Freundschaften zu schliessen. Die zwischenmenschlichen Erfahrungen und die täglichen Herausforderungen im Spital haben uns alle in jeglicher Hinsicht menschlich und fachlich bereichert. Es war ein wundervolles Abenteuer, bei dem wir vielen Menschen und deren Familien das Leben und Überleben gesichert haben.

Wir sind dankbar für die gesammelten Erfahrungen und hoffen sehr, eines Tages die Reise nach Jimma zu unseren Freunden wieder antreten zu dürfen.

Mehr über die Stiftung Schweizer Chirurgen in Äthiopien

 

Operieren wo der Kaffee wächst

Dr. Diwersi auf Visite mit Joseph, einem jungen Assistenzarzt, der nach seiner Ausbildung zum Unfallchirurgen in sein Heimatdorf in den Sudan zurückkehren möchte, um als einer von dann zwei Unfallchirurgen des Landes zu arbeiten.

Quelle. Swiss Knife vom 01.04.2021

Autoren

  • Dr. med. Nadine Diwersi, Oberärztin Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Luzerner Kantonsspital
  • Dr. med. Henning Fischer, Leitender Arzt Interdisziplinäres Notfallzentrum, Luzerner Kantonsspital
  • Dr. med. Nickolaus Heeren, Oberarzt Klinik für Orthopädie und Unfallchirurgie, Luzerner Kantonsspital
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