«Traut euch, euren Weg zu gehen»: Nathalie Gasser über Karriere, Mut und Wissenschaft

Was hat dich persönlich zur Wissenschaft geführt – und was begeistert dich an deiner heutigen Arbeit am KidZ besonders?
Schon früh hat mich fasziniert, wie lebende Systeme funktionieren und wie fein abgestimmt biologische Prozesse ineinandergreifen. Diese Neugier hat mich zum Humanbiologiestudium in Zürich und später zur Arbeit an der Schnittstelle von Forschung, Naturwissenschaft und Medizin geführt.
Am Kinderspital Zentralschweiz begeistert mich besonders, dass wir Daten und klinische Expertise zusammenbringen, um die Versorgung von Kindern und Jugendlichen konkret und messbar zu verbessern. Wir schaffen am Center for Child Health Analytics einen Ort, an dem Forschung nicht abstrakt bleibt, sondern ganz nah an der Realität unserer jungen Patientinnen und Patienten und den Fragestellungen des klinischen Fachpersonals ist.
Du arbeitest mit klinischen Routinedaten in der Kindermedizin. Wie würdest du deine Arbeit jemandem erklären, der keinen medizinischen oder wissenschaftlichen Hintergrund hat?
Im Spital fallen unzählige Daten an, z. B. Messwerte, Diagnosen oder verordnete Therapien. Bisher verblieben diese sogenannten Routinedaten im System und konnten nur mit grossem Aufwand und viel Handarbeit für Forschung und Innovation genutzt werden. Mit unserem Klinikinformationssystem Epic haben wir nun ein System, das es uns möglich macht, diese Daten für Forschung direkt zu nutzen.
Das CCHA-Team verbindet die passenden Daten mit den Fragestellungen der Health Care Professionals aller Fachgebiete am Kinderspital Zentralschweiz. Meine Arbeit besteht darin, das CCHA am Kinderspital Zentralschweiz und auch nach aussen bekannt zu machen, unser Angebot zu kommunizieren und neue Zusammenarbeiten aufzugleisen. Zudem stelle ich gemeinsam mit unserer Direktorin Prof. Dr. med. Nicole Ritz die Rahmenbedingungen für unser Team sicher, damit alle effizient und produktiv arbeiten können.
Wir bringen Daten und klinische Expertise zusammen – für eine bessere Versorgung von Kindern und Jugendlichen.
Gab es besondere Herausforderungen oder prägende Erfahrungen als Frau in einem wissenschaftlichen Umfeld?
Ja, vor allem am Anfang. Ich musste lernen, selbstbewusst zu meiner Expertise zu stehen und mich zu trauen, auch in hierarchischen Systemen Kritik zu äussern. In meinem ersten Job nach dem Studium war ich zuständig für die Koordination der Organspenden in der Schweiz. Dort musste ich von Anfang an sehr viel Verantwortung übernehmen und einen kühlen Kopf bewahren. Diese Erfahrung hat mir im weiteren Berufsleben extrem geholfen. Ich hatte zudem bei jeder Stelle grosse Unterstützung durch Vorgesetzte sowie Kolleginnen und Kollegen, von denen ich lernen und profitieren konnte. Im wissenschaftlichen Kontext kommt mir sicherlich meine grosse Neugier zugute. Ich mag es nicht, wenn ich in einem Bereich nicht alles verstehe und bin entsprechend vielseitig interessiert und arbeite mich rasch in neue Fachgebiete ein.
Was macht datenbasierte Forschung in der Medizin besonders spannend – gerade mit Blick auf die Zukunft der Kindermedizin?
Daten ermöglichen etwas, das früher kaum möglich war: Wir können Erkrankungen viel präziser verstehen und die Behandlung individueller auf jedes Kind zuschneiden. Zudem ermöglicht uns eine datenbasierte Versorgung auch gezielte Prävention und Gesundheitsförderung und nicht erst Behandlung von Krankheit.
In der Kindermedizin ist zudem besonders relevant, dass wir Routinedaten sekundär für Forschung und Innovation nutzen können. So werden Kinder und Jugendliche nicht unnötigem Stress wie extra Blutabnahmen oder zusätzlichen Terminen für Studien ausgesetzt. Daten helfen uns, Trends früher zu erkennen, Versorgung besser zu planen und Modelle zu entwickeln, welche Fachpersonen in ihrem klinischen Alltag entlasten und unterstützen. Damit schaffen wir eine Kindermedizin, die moderner, vorausschauender und noch patientenzentrierter ist.
Welchen Tipp würdest du jungen Frauen geben, die sich für eine wissenschaftliche Laufbahn im Gesundheitswesen interessieren?
Traut euch, euren Weg zu gehen. Seid stolz auf eine abwechslungsreiche Karriere und diverse unterschiedliche Aufgabenfelder. Umgebt euch mit Menschen, die euch fördern und inspirieren und sich bei Erfolgen mitfreuen. Vernetzung ist gerade für Frauen ein enormer Erfolgsfaktor, im Speziellen auch über Fachgebiete und Branchen hinaus.
Traut euch, spannende Organisationen oder Personen direkt zu kontaktieren und auf einen Austausch einzuladen. Die besten Ideen und Projekte entstanden für mich jeweils aus solchen Gesprächen.
Vernetzung ist ein enormer Erfolgsfaktor – gerade für Frauen.
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