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Wenn der Austritt schon bei der Aufnahme beginnt

Strategische Stossrichtung Innovation: Im Dezember 2024 startete das Kinderspital Zentralschweiz (KidZ) das Projekt «Kriterienbasierter Austritt» (KIBA) in der Pädiatrie. Damit wird der Spitalaustritt von Kindern mit häufigen, weniger komplexen Erkrankungen wie Bronchiolitis, Lungenentzündung oder Magen-Darm-Infekten effizienter. Gleichzeitig bleibt eine hohe Qualität der Betreuung und Sicherheit gewährleistet, wie die wissenschaftliche Analyse zeigt.
6. Mai 2026
Lesezeit: 5 Minuten
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Mirjam Kissling, Assistenzärztin (links) und Sibylle Jung, Pflegeexpertin Stufe 1

Bislang war für die Entlassung eines stationär behandelten Kindes zwingend eine ärztliche Konsultation am Austrittstag erforderlich. Da Ärztinnen und Ärzte jedoch oft durch komplexe Fälle und längere Visiten gebunden waren, kam es regelmässig zu Verzögerungen: Entlassungen erfolgten häufig erst am Mittag oder Nachmittag. Die Zimmer standen für neue Patientinnen und Patienten entsprechend später zur Verfügung, und zugleich entstand ein erhöhter Druck auf die ärztlichen Ressourcen. 

Mit KIBA sollte ein Prozess entwickelt werden, der frühere Austritte ermöglicht, die Ärzteschaft entlastet und gleichzeitig die Kompetenzen der Pflege gezielt stärkt. Massgeblich beteiligt waren Mirjam Kissling, Assistenzärztin und Doktorandin Pädiatrie, Sibylle Jung, Pflegeexpertin Stufe 1, Dr. med. Marco Lurà damaliger Stationsleiter, und Prof. Dr. med. Nicole Ritz, Chefärztin der Pädiatrie. 

Bei der geplanten Leantransformation stellte sich die Frage, wie der Austrittsprozess verbessert werden kann. Da erwies sich der Besuch von Nicole Ritz am Royal Children’s Hospital in Melbourne, Australien im Frühjahr 2024 als Glücksfall. Denn dort war ein Modell, genannt Criteria-Led Discharge, schon länger implementiert.  «Nach meiner Rückkehr aus Australien war mir klar, dass ich das am KidZ ebenfalls einführen möchte», sagt Nicole Ritz. 

Der Prozess ist sicher und effizient.

Mirjam Kissling, Assistenzärztin

«Zuerst analysierte das Lean-Team den bisherigen Prozess und erhob die Austrittszeiten», erklärt Nicole Ritz. «Es zeigte sich: Viele Eltern warteten bis weit in den Nachmittag hinein, bis sie mit ihrem Kind nach Hause entlassen werden konnten.» In anschliessenden Workshops wurde erarbeitet, welche Schritte zwingend durch eine Ärztin oder einen Arzt erfolgen müssen und was die Pflege selbstständig übernehmen kann. Dabei konnte das KidZ von den Erfahrungen aus Australien profitieren. 

Das Team der Station, insbesondere Marco Lurà, Nicole Ritz und Sibylle Jung definierten geeignete Diagnosen und entwickelten standardisierte Austrittskriterien für das Kinderspital sowie die weiteren Prozesse – stets im Abgleich mit dem Lean Design Team.

Wissenschaftliche Begleitung und internationale Erfahrungen

Eine wissenschaftliche Begleitung dieser Einführung war von Anfang geplant gewesen, da noch kein Schweizer Kinderspital KIBA eingeführt hatte. Im Rahmen ihrer Dissertation und unter der Leitung von Nicole Ritz analysierte Mirjam Kissling die Sicherheit, Effizienz und Zufriedenheit bei der Einführung am KidZ und verglich die interne Einführung mit der Fachliteratur und anderen Modellen: «Es gibt Kinderspitäler in anderen Ländern, die ebenfalls mit kriterienbasierten Austritten arbeiten. Allerdings unterscheidet sich die dortige Situation oft stark von derjenigen in der Schweiz», erklärt Mirjam Kissling. «Regionale Krankheitsbilder, Versorgungssituationen oder auch die Distanz zum nächsten Spital sind nicht vergleichbar, und wissenschaftliche Daten für die Schweiz fehlten bisher.» Mirjam Kissling war kurz vor Beginn des Go-Live nach Luzern gekommen und unterstützte die Implementation mit grossem Einsatz.  

Schrittweise Umsetzung und umfassende Schulung

KIBA wurde zuerst bei bestimmten Atemwegsinfektionen eingeführt: Die behandelnde Ärztin oder der Arzt entscheidet, wann ein Kind dafür geeignet ist. Die Eltern werden informiert und in den Entscheidungsprozess einbezogen. Wenn sie einverstanden sind, übernimmt die Pflege daraufhin definierte Aufgaben im Austrittsprozess: Sie überprüft, wann die Kriterien erfüllt sind, schult die Eltern in standardisierter Weise für die weitere Pflege des Kindes zu Hause und beantwortet ihre Fragen. Wenn alle Kriterien erfüllt und die Eltern einverstanden sind, erfolgt der Spitalaustritt ohne weitere ärztliche Konsultation.

Vor der Einführung von KIBA wurden die Mitarbeitenden eingehend geschult. Während der ersten vier Monate des Projekts wurden die Zufriedenheit der Eltern und der Mitarbeitenden sowie die Wiedereintrittsrate analysiert. Die Ergebnisse waren sehr positiv: Aufgrund der neuen Rollenverteilung und der Entlastung durch die Pflege konnten Ärztinnen und Ärzte wertvolle Zeit für komplexe Fälle oder chronisch kranke Kinder gewinnen. Gleichzeitig wurde die Rolle der Pflege gestärkt und die Kontinuität der Betreuung verbessert. Pflegende können durch den häufigeren Kontakt mit dem Kind und seinen Eltern besonders gut auf individuelle Anliegen eingehen. «Es braucht Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten, das Vertrauen aller Beteiligten und natürlich klare Kriterien – und das funktioniert sehr gut», sagt Sibylle Jung. 

KIBA stärkt die Pflegekompetenz im Alltag.

Sibylle Jung, Pflegeexpertin Stufe 1

Hohe Akzeptanz bei Eltern und stabile Qualität

Auch die Rückmeldungen der Eltern sind äusserst positiv: Sie schätzen die reduzierten Wartezeiten auf den Austritt und die höhere Flexibilität, etwa dass Austritte bis 19 Uhr möglich sind und so mittels KIBA auf eine zusätzliche Übernachtung im Spital verzichtet werden kann. Zentraler Punkt bleibt aber das Vertrauen der Eltern: Ärztinnen und Ärzte am KidZ setzen sich weiterhin gleich stark für die kleinen Patientinnen und Patienten ein auch wenn im Austrittsprozess vermehrt die Pflege im Vordergrund steht. 

Die wissenschaftliche Begleitung des Projekts zeigt: Die Wiedereintrittsrate bleibt stabil, die Versorgungsqualität unverändert hoch. «Wir entlassen die Kinder mit bester Evidenz sowie bestem Wissen und Gewissen nach Hause», fasst Mirjam Kissling zusammen. 

Nachhaltige Effekte und laufende Weiterentwicklung

KIBA hat noch weitere positive Effekte: «Durch das Projekt haben das ärztliche Team und die Pflege enger zusammengearbeitet», berichtet Pflegeexpertin Sibylle Jung. «Die Berufsgruppen konnten voneinander lernen. Das war sehr bereichernd für alle.» Zudem profitieren Assistenzärztinnen und -ärzte von den klaren Austrittsrichtlinien. Denn diese unterstützen sie bei der klinischen Einschätzung von Fällen – ein Lerneffekt, der weit über das Projekt hinausreicht.

KIBA wird laufend weiterentwickelt. Nach dem erfolgreichen Start mit Atemwegsinfekten wurden weitere Krankheitsbilder integriert. Standardisierte Schulungen für Pflege und Ärzteschaft sowie E-Learnings sichern die nachhaltige Umsetzung. «Es ist ein Kulturwandel und Perspektivenwechsel», fasst Nicole Ritz zusammen. «Schon bei der Aufnahme denken wir heute an den Austritt und betreuen die Kinder und Familien noch mehr interprofessionell – zum Wohl der Kinder, ihrer Familien und des gesamten Behandlungsteams.»

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Dieser Beitrag ist Teil vom Jahresbericht Kinderspital 2025. 

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