Wann brauchts eine Chemo?

Schweizer Illustrierte - Dank immer besseren Behandlungen überleben in der Schweiz drei von vier Frauen ihre Brustkrebserkrankung. Der Chemotherapie kommt dabei eine wichtige Bedeutung zu. Die 15 wichtigsten Fragen zu einer medizinischen Erfolgsgeschichte.

11. Oktober 2018

Lesezeit: 8 Minuten
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Was ist eine Chemotherapie?

In der Chemotherapie werden Mittel verabreicht, die Krebszellen daran hindern, zu wachsen. Denn Krebszellen teilen sich schnell und unkontrolliert. «Die Medikamente unterbrechen diesen Prozess, was zum Absterben der Zellen führt», erklärt die Onkologin Elena Kralidis vom Brustkrebszentrum des Kantonsspitals Aarau. Es gibt einige Dutzend Zytostatika, so heissen die Mittel in der Fachsprache, die mit unterschiedlichen Mechanismen die Teilungsphasen der Krebszelle stören.

Welches Ziel verfolgt eine Chemotherapie?

Die Chemotherapie beginnt meist erst nach einer Operation oder Bestrahlung. Experten sprechen dann von einer «adjuvanten» Chemotherapie. Das Ziel: eventuell im Körper verbliebene Tumorzellen zu zerstören und damit einen Rückfall zu verhindern. Manchmal werden Chemotherapien aber bereits vor einer Operation durchgeführt, um den Tumor zu verkleinern. Hat der Brustkrebs bereits Ableger gebildet, ist ebenfalls eine Chemotherapie möglich.

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«Dann geht es darum, den Krebs zu bremsen und zu kontrollieren», sagt die Krebsspezialistin Elena Kralidis. Fast immer wird eine Chemotherapie mit anderen Behandlungen wie Hormon- oder Strahlentherapien ergänzt.

Wie läuft eine Chemotherapie bei Brustkrebs ab?

Sie erfolgt meist in mehreren Zyklen. Dazwischen liegen Pausen von ein bis vier Wochen. In dieser Zeit können sich die gesunden Zellen erholen. Wird die Chemotherapie schlecht vertragen, können die Pausen verlängert werden.

Wird die Chemotherapie immer per Infusion verabreicht?

Manche Medikamente gibt es in Tablettenform, meist werden sie jedoch über eine Infusion in eine Vene verabreicht. In der Regel ist für eine Chemotherapie kein stationärer Spitalaufenthalt nötig.

Wann ist eine Chemotherapie bei Brustkrebs notwendig?

Das wird von Fall zu Fall entschieden. Zum einen kommt es darauf an, wie hoch das Risiko ist, dass der Krebs zurückkehrt. Um die Gefahr eines Rückfalls einzuschätzen, spielt etwa eine Rolle, ob und wie viele Lymphknoten befallen sind, wie gross der Tumor ist und wie schnell er wächst. «Je höher das Risiko eines Rückfalls, desto eher empfehlen wir eine Chemotherapie», sagt Stefan Aebi, Leiter des Tumorzentrums am Luzerner Kantonsspital. Zum anderen stellt sich die Frage, ob die Chemotherapie überhaupt eine Wirkung zeigt. Denn es gibt verschiedene Arten von Brustkrebs, und nicht alle sprechen auf eine Chemotherapie an.

Bei vielen Patientinnen lässt es sich dank den oben genannten Kriterien einschätzen, ob eine Chemotherapie sinnvoll ist oder nicht. Es gibt jedoch Grenzfälle, bei denen die Entscheidung schwerfällt. «Beispielsweise bei Frauen, die einen kleinen, aber aggressiven Tumor haben, ohne Befall von Lymphknoten», sagt der Onkologe Stefan Aebi. Solche Patientinnen haben die Möglichkeit, einen sogenannten Genexpressionstest zu machen. Dabei wird das Erbmaterial der Tumorzellen untersucht, um herauszufinden, wie aktiv die Gene sind, die das Wachstum des Krebsgeschwürs beeinflussen. «Vereinfacht gesagt, geht es um die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls», sagt Stefan Aebi.

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Wie zuverlässig sind Gentests als Entscheidungshilfe für oder gegen eine Chemotherapie?

Es braucht noch zusätzliche langfristig angelegte Studien, die den Nutzen dieser Tests genauer untersuchen. Für viele Pathologen und Onkologen - darunter auch Stefan Aebi und Elena Kralidis - ist jedoch bereits heute klar, dass solche Tests die Entscheidungsfindung in bestimmten Fällen erleichtern können. «Sie kommen nur dann zur Anwendung, wenn der Krebs hormonempfindlich ist, nach der Menopause auftritt und wenn nicht mehr als drei Lymphknoten befallen sind», sagt Stefan Aebi. In der Schweiz stehen zurzeit vier Tests im Einsatz, die gut etabliert sind und von den Krankenkassen bezahlt werden. «Man kann mit guten Gründen den einen oder anderen Test wählen», sagt Stefan Aebi. Wichtig sei, dass der zuständige Arzt sich mit solchen Tests gut auskennt. «Wendet sich die Patientin an ein zertifiziertes Brustzentrum, sollte dieses Kriterium erfüllt sein.»

Wer entscheidet, ob eine Chemotherapie gemacht wird?

Im besten Fall entscheiden Arzt und Patientin gemeinsam. «Manche Frauen mit Brustkrebs haben jedoch mehr Angst vor der Chemotherapie als vor der Erkrankung selbst und lehnen eine Behandlung kategorisch ab», sagt Stefan Aebi. «In solchen Fällen müssen wir die Entscheidung der Patientin akzeptieren.» Der umgekehrte Fall, dass jemand aus Angst vor einem Rückfall eine Chemotherapie will, obwohl die Ärzte abraten, sei äusserst selten. «Hier wird klar kommuniziert, dass ein Arzt dazu verpflichtet ist, unnötige Behandlungen zu unterlassen.»

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Je höher das Risiko eines Rückfalls, desto eher empfehlen wir eine Chemotherapie.

Stefan Aebi, Onkologe

Warum wird manchmal auf Chemotherapien verzichtet?

«Der Einsatz von Chemotherapien hat abgenommen, weil andere Behandlungen wie zum Beispiel die Hormontherapie besser geworden sind», sagt Stefan Aebi vom Kantonsspital Luzern. Zudem habe sich gezeigt, dass längst nicht alle Patientinnen von einer Chemotherapie profitieren. «Wir wissen heute mehr darüber, bei welchen Arten von Tumoren eine Chemotherapie keinen Sinn macht.»

Gibt es Alternativen zu einer Chemotherapie?

Das ist von Fall zu Fall verschieden. Manchmal reicht eine Hormontherapie aus. Sie eignet sich jedoch längst nicht für jede Brustkrebsart und jede Patientin. Andere Behandlungen wie Strahlen- oder Immuntherapien sind meist kein Ersatz für eine Chemotherapie, aber eine wichtige Ergänzung.

Warum kommt es manchmal zu massiven Nebenwirkungen?

Das liegt daran, dass die Mittel nicht nur die unkontrolliert wachsenden Krebszellen angreifen. «Auch gesunde Körperzellen, die sich schnell teilen, sind davon betroffen», sagt Elena Kralidis. Dazu gehören etwa Haarwurzel-, Schleimhautund Blutzellen. Deshalb kann es zu Nebenwirkungen wie Haarausfall, Durchfall oder Blutarmut kommen. Da die Körperzellen aber die Fähigkeit haben, sich zu erholen, verschwinden die unerwünschten Begleiterscheinungen nach der Behandlung meist wieder.

Aufgrund einer Chemotherapie muss fast niemand mehr ständig erbrechen.

Elena Kralidis, Onkologin

Was sind die wichtigsten Nebenwirkungen, und wie lassen sie sich lindern?

Haarausfall

Er ist für viele Patientinnen eine der schlimmsten Nebenwirkungen und belastet die Psyche. «Haarausfall tritt jedoch längst nicht bei allen auf», sagt Elena Kralidis. «Es kommt auf das Medikament und die Dosis an.» Der Haarausfall beginnt meist zwei bis drei Wochen nach der Chemotherapie. Einige Monate nach der letzten Behandlung sind die Haare oft etwas nachgewachsen, und viele Patientinnen brauchen keine Kopfbedeckung mehr. Um den Haarausfall in Grenzen zu halten, hat sich die sogenannte Kopfhautkühlung bewährt. Dabei wird der Patientin eine Kältehaube aufgesetzt. Dadurch wirken die Zytostatika weniger stark auf die Haarwurzeln ein, denn eine kalte Kopfhaut wird schlechter durchblutet. Eine Übersichtsarbeit der University of California in San Francisco kommt zum Schluss, dass die Methode durchaus wirksam ist. Der Anteil der Frauen, die eine Perücke benötigten, ging dank der Kühlmethode um rund 50 Prozent zurück. Befürchtungen, dass dabei in der Kopfhaut Krebszellen überleben, die zu Hautmetastasen führen, wurden widerlegt. Trotzdem wird die Methode in vielen Kliniken zurückhaltend eingesetzt «Eine Chemotherapie-Sitzung dauert mehrere Stunden, viele Patientinnen empfinden es als höchst unangenehm, die Kappe so lange aufzusetzen», sagt Elena Kralidis. «Manche bekommen davon sogar Migräne.» Patientinnen mit starkem Haarausfall benutzen häufig eine Perücke. In der Regel beteiligt sich die Invalidenversicherung oder die AHV an den Kosten. Manche Frauen binden sich ein Kopftuch um oder tragen einen Hut. Die kantonalen Beratungsstellen der Krebsliga informieren über die Möglichkeiten und geben Adressen weiter.

Übelkeit

Eine weitere gefürchtete Nebenwirkung ist Übelkeit mit Erbrechen. Ob diese Begleiterscheinung auftritt, hängt vom verabreichten Medikament und von dessen Dosis ab. Manche Frauen neigen allgemein schneller zu Übelkeit und Erbrechen als andere. Heutzutage gibt es wirksame Medikamente dagegen - die auch vorbeugend eingenommen werden können. «Aufgrund einer Chemotherapie muss fast niemand mehr ständig erbrechen», sagt Elena Kralidis. «Möglich ist jedoch, dass eine leichte Übelkeit zurückbleibt.»

Müdigkeit

Die Chemotherapie, der Krebs und die psychischen Belastungen können an der Kräften zehren. Medikamente gegen Müdigkeit gibt es keine. Trotzdem lässt sich etwas dagegen tun: «Wichtig ist, für Entspannung zu sorgen, um Energie zu tanken», sagt die Onkologin Elena Kralidis. Sie empfiehlt, sich regelmässig zu bewegen. «Ob das nun Joggen, Yoga oder Spazieren ist: Jede Betroffene muss selbst herausfinden, welche Aktivität ihr guttut.» Während der Chemotherapie werden die meisten Patientinnen krankgeschrieben. Bei Berufstätigen stellt sich die Frage, ob ein Wiedereinstieg mit einem gesenkten Pensum möglich ist. Die kantonalen Krebsligen informieren über die Rechte rund um Krebs und Arbeit.

Was können Betroffene sonst noch tun, um Nebenwirkungen zu lindern?

Nebst Entspannung und Bewegung haben sich achtsamkeitsbasierte Verfahren bewährt, die den Fokus auf den gegenwärtigen Moment lenken. Am Institut für komplementäre und integrative Medizin der Universität Zürich können Krebsbetroffene einen Kurs besuchen, der mitunter auf Achtsamkeit setzt. Manchen Patientinnen hilft eine psychoonkologische Beratung

Was ist von komplementärmedizinischen Therapien zu halten?

Schätzungsweise die Hälfte der Krebsbetroffenen setzt neben der Schulmedizin auch komplementäre Behandlungen ein. Diese können dazu beitragen, die Nebenwirkungen der Therapien und die Last der Krankheit zu lindern. Viele Betroffene schätzen es, selber etwas gegen die Krankheit unternehmen zu können. Das fördert das Wohlbefinden und die Lebensqualität. Genauere Informationen finden Sie auf der Website der Krebsliga.

Was sind mögliche Spätfolgen der Chemotherapie bei Brustkrebs?

Bei wenigen Patientinnen kommt es zu einer chronischen Müdigkeit, Fatigue-Syndrom genannt. Eine weitere mögliche Spätfolge sind Nervenschädigungen. «Sie zeigen sich durch Gefühlsstörungen an Händen und Füssen», sagt Elena Kralidis. Zudem können manche Zytostatika in seltenen Fällen den Herzmuskel schädigen und damit zu einer verminderten Herzleistung führen. Selten löst eine Chemotherapie Jahre später eine andere Krebserkrankung aus, wie etwa Leukämie.

Warum wachsen einige Tumoren in der Brust trotz Chemotherapie weiter?

Nicht alle Krebsarten sprechen auf die Chemotherapie gleich gut an. Zudem werden Tumorzellen manchmal gegen die Medikamente unempfindlich. Das lässt sich zu Beginn einer Chemotherapie nicht voraussehen. «Auch nach einer erfolgreichen Therapie kann ein Rückfall nicht ausgeschlossen werden», sagt Elena Kralidis. In sehr seltenen Fällen kehrt der Krebs sogar nach zwanzig Jahren wieder zurück. Meist gilt aber: Je mehr Zeit verstreicht, desto geringer das Rückfallrisiko. 

Quelle: Schweizer Illustrierte vom 11.10.2018