«Man muss denken», pflegte sie zu sagen

Helene Kloss wurde zwischen zwei Weltkriegen die erste Chefärztin der Schweiz. Ihre Assistentin erinnert sich hundert Jahre später an die Pionierin.

1. Januar 2021

Lesezeit: 6 Minuten
Helene Kloss Pathologie Geschichte

«Geboren den neunten März 1887 in Washington als Tochter des schweizerischen Legationsrats Karl Daniel Kloß von Liestal, besuchte ich von 1899 bis 1905 das städtische Knabengymnasium von Bern», beginnt der handgeschriebene Lebenslauf. Ihn legte Helene Kloss ihrer Bewerbung um den Chefarztposten der Pathologie am Luzerner Kantonsspital bei – im Jahre 1919. Kloss sollte sich im Verfahren gegen zwei Männer durchsetzen. Für den Anfang des 20. Jahrhunderts eine ausgesprochene Sensation.

Wer ist diese Frau, die monumentale Arbeit nicht nur für das Luzerner Kantonsspital leisten sollte? Und warum ist nicht mehr über die Pionierin bekannt?

Es ist ein kühler Dezembertag, als ich Hedwig Trinkler in Basel in Ihrer Wohnung treffe. Trinkler, eine kleine, nichtsdestotrotz sehr präsente Frau mit kurzem Haar, ist wohl diejenige, welche die besten Antworten auf diese Fragen kennt. Mit 17 Jahren begann die heute 96-Jährige im September 1941 als Sekretärin für Dr. Helene Kloss zu arbeiten. Sie ist es auch, die in den späten 40er-Jahren das Büro der Helene Kloss räumen wird – der ersten Chefärztin der Schweiz, die es nach 28 Dienstjahren aus Erschöpfung nicht mehr schaffte.

«Sie hatte sehr viel Freude daran, eine so junge Sekretärin zu bekommen», beginnt Trinkler ihre Erinnerungen. In einem «kleinen Inserätchen» habe sie von der freien Stelle erfahren: « <Steno-Daktylo gesucht, die gerne einen medizinisch-technischen Beruf erlernen möchte>. Da bin ich dann hingegangen. Am Samstag stellte ich mich vor, und am Dienstag fing ich an.» Die Arbeit sei sehr abwechslungsreich gewesen. Ihre Chefin habe sie auf jede Sektion mitgenommen: «Dort musste ich dann stenografieren. Sie hat es daraufhin gelesen – sie konnte ja Steno lesen –, also musste ich schön schreiben.» Wenn es nichts zum Schreiben gab, machte Trinkler die histologische Technik – etwas, das sie auch in ihr späteres Berufsleben mitnehmen würde. Kloss sei Dank.

«Kloss konnte Stenographie lesen, also musste ich schön schreiben»

Helene Kloss war eines der ersten Mädchen, welches in der Schweiz überhaupt ein Knabengymnasium besuchen konnte. Das Medizinstudium, das sie 1905 in Bern begann, schloss sie im Herbst 1912 mit dem Staatsexamen ab, um anschliessend als Volontärärztin zunächst am Pathologischen Institut der Uni Bonn und später an der Charité in Berlin zu arbeiten.

Zu Kriegsbeginn im Jahr 1914 kehrte sie in die Schweiz zurück und übernahm die stellvertretende Leitung des Pathologischen Instituts in Lausanne. Weil dessen deutscher Chef eingezogen wurde, leitete Kloss das Institut über drei Jahre allein.

1919 bewarb sie sich um die im «Correspondenzblatt für Schweizer Ärzte» ausgeschriebene Stelle eines Chefarztes für Pathologie und Bakteriologie am Kantonsspital Luzern (heute Luzerner Kantonsspital). Ihr Lebenslauf liegt dem Brief des Spitaldirektors an den Regierungsrat bei, mit dem im November 1919 die Besetzung des Chefarztpostens geklärt werden sollte. Zu Kloss’ Person heisst es darin: «In unzweifelhafter Weise hat sich auch Frl. Dr. Helene Kloss über ihre Befähigung ausgewiesen. […] Ein gewisses Hindernis für die Wahl der Frl. Kloss ist die Weiblichkeit […]».

Man war sich bei derartigen Stellen nicht an weibliche Vertreterinnen gewöhnt. Doch die Wahlgremien entschieden sich dazu, das Wagnis einzugehen, weil Kloss «in erster Linie mit Ärzten und nicht mit Patienten» verkehren würde.

«Ein gewisses Hindernis für die Wahl der Frl. Kloss ist die Weiblichkeit»

2002 verfasste Hedwig Trinkler einen Nachruf auf ihre pionierhafte Chefin, in welchem sie deren Leben und Wirken schilderte – ausgelöst durch die Recherchen des ehemaligen Leiters der Nephrologie, Dr. Aldo Colombi: Er hatte für die Jubiläumsschrift zum 100. Bestehen des Luzerner Kantonsspitals Helene Kloss in den Spitalakten entdeckt und Ihre Geschichte aufgegriffen. In seiner Festschrift von 2001 widmet Colombi der Chefärztin ein Kapitel. Was über sie bekannt ist, ist zu grössten Teilen seinen akribischen Recherchen und den Erinnerungen von Hedwig Trinkler zu verdanken. Nicht einmal einen Wikipedia-Artikel gibt es über Helene Kloss. Und das, obwohl sie auch dafür verantwortlich ist, dass die Pathologie in Luzern in den 30er-Jahren ein neues Institutsgebäude erhielt.

«Unter uns nannten wir sie insgeheim <s’Klössli>, sie hatte eine sehr soziale Art», erinnert sich Trinkler und erzählt, wie die Doktorin das ganze Institut zu den Tell-Festspielen nach Altdorf und zum anschliessenden Mittagessen einlud: «So kam es auch, dass die Chefärztin die ehemalige Sekretärin, meine Vorgängerin, besuchte – das ganze Institut im Gepäck.» Überhaupt habe sie sich um die Leute ihres Instituts gekümmert: «Sie hatte einen mageren Lohn, dafür, dass sie Chefärztin und Institutsvorsteherin war – einen sehr mageren Lohn. Den hat sie dann auch noch verteilt. Mehreren Personen des Instituts – auch mir – bezahlte sie davon jeden Monat eine Rente».

«Sie bezahlte mehreren Leuten von ihrem Lohn eine Rente»

Die Bedeutung der ohnehin aussergewöhnlichen Geste wird vor dem Hintergrund ihrer Zeit noch etwas deutlicher. «Es war ja Krieg. Man hat immer gearbeitet, samstags, sonntags…». Dr. Kloss, die es mit allem sehr genau genommen habe, habe unter dem Zeitdruck gelitten, unter welchem die pathologischen Berichte fertiggestellt werden mussten. Nach den ersten beiden Jahren ihrer Tätigkeit in Luzern erkrankte sie an Tuberkulose und musste sich folglich in Kur begeben: «Sie war eine Intellektuelle, und eigentlich wollte sie immer in die Forschung. Zumindest hat sie davon geschrieben», erinnert sich Trinkler, «vielleicht in einem Brief. Sie musste nach Davos zur Kur. Und da lag sie also den ganzen Tag im Bett oder auf einer Chaiselongue und überlegte, ob sie ihre Stelle behalten sollte. Sie hatte das Zeug dazu, zum Forschen.»

1947 wurde Dr. Helene Kloss auf eigenen Wunsch pensioniert. Heute würde man sagen, dass sie an einem Burn-out-Syndrom gelitten hatte. In ihrem Mansardenzimmer in Luzern erledigte sie noch die letzten Gutachten, dann zog sie zu ihrer Schwester Emma nach Bern.

Ihre beiden Vorschläge für ihre Nachfolge wurden nicht berücksichtigt – das kam bei ihren ehemaligen Mitarbeitern nicht gut an. Überhaupt hinterliess sie eine Lücke. Für Trinkler war es ein langer, schmerzhafter Abschied: «Ihr Weggang aus dem Spital war schlimm. Sie hatte mich immer sehr gefördert.» Aber Kloss hatte unter dem Einsatz vor allem auch während der Kriegsjahre gelitten. «Sie konnte nicht mehr, sie hatte ein Herzleiden. Ich weiss nicht mehr, was für eines. Aber es hat sich dann wohl im späteren Leben ausgewirkt», vermutet Trinkler.

Sie besuchte ihre ehemalige Chefin noch einige Male: «Nur schon Besuch zu erhalten, tat ihr gut. Ich habe jeweils im Hotel Bistor logiert und den Tag mit ihr verbracht.» Sie sei temperamentvoll gewesen, die Frau Dr. Kloss, sagt Hedwig Trinkler, und schmunzelt: « <Man muss denken>, pflegte sie zu sagen», und meinte wohl auch, dass man sich bilden müsse – «sie besass ja 32 Kisten voller Bücher. Die hat sie alle auch nach Bern mitgenommen.» 1977 wurde Kloss wegen eines Coloncarcinoms ins Spital Belp eingewiesen, wo sie zwei Tage später im Alter von 90 Jahren starb.
 

Die Geschichte vom Luzerner Kantonsspital

Dieser Beitrag ist ein Teil der Serie "Die Geschichte des Luzerner Kantonsspitals - In 750 Jahren vom den Benediktinerkloster bis zur künstlichen Intelligenz."

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