Wie ein Ohr-Eingriff am LUKS den Weg zum Weltrekord ebnete

Als die Tessinerin Vera Giampietro erstmals im Luzerner Kantonsspital (LUKS) vorstellig wurde, hatte sie bereits vier missglückte Operationen andernorts hinter sich. Eine Verletzung ihres Trommelfells – verursacht durch eine falsche Behandlung während einer Ohrinfektion ausgerechnet in einem Taucherparadies im Ausland – hatte sich zu einem langjährigen medizinischen Problem entwickelt. Die Perforation lag an einer besonders anspruchsvollen Stelle, ganz am vorderen oberen Rand des Trommelfells, Narben und Knorpel verhärteten die Strukturen. Für eine Apnoetaucherin, die in der Tiefe auf präzisen Druckausgleich angewiesen ist, war das ein Albtraum. Duschen, Schwimmen, selbst vorsichtiges Abtauchen waren über Jahre kaum mehr möglich aufgrund wiederholter Infektionen.

Prof. Dr. med. Thomas Linder, Chefarzt der HNO-Klinik, erinnert sich gut an diesen Moment: «Das Trommelfell war mehrfach operiert, vernarbt und anatomisch ungünstig perforiert. Solche Revisionen gehören zu den komplexesten Eingriffen in der Ohrchirurgie. Aber es gibt immer Lösungen – man muss sie nur individuell denken.»
Die sicherste Operation für das weitere Tauchen wäre der Verschluss des Gehörgangs und das Auffüllen des Mittelohres mit Bauchfett gewesen. Aber dabei hätte sie ihre Hörfähigkeit deutlich einbüssen müssen. Der zusätzliche Einsatz eines aktiven Mittelohrimplantats hätte dem zwar entgegenwirken können, aber die Rücksprache mit dem Hersteller ergab, dass die von Vera Giampietro anvisierte Tauchtiefe mit diesem Implantat nie gemessen wurde. Daher konnte der Hersteller dafür keine Garantie geben und der Eingriff wäre irreversibel gewesen. Daher hat sich die Patientin für die nochmalige Revisionsoperation (nach 4 vorgängigen Eingriffen) entschieden. «Für mich ist entscheidend, dass Patientinnen und Patienten verstehen, was chirurgisch möglich ist – und was nicht. Nur auf dieser Grundlage können sie selbstbestimmt mit-entscheiden», führt Linder aus.
Weltrekord in Mexiko – Dankesworte nach Luzern
Vera Giampietro entschied sich für einen letzten Versuch, ihr Trommelfell zu verschliessen. Die Operation im Frühjahr 2023 war technisch anspruchsvoll aber dank dreissigjähriger Erfahrung in der Ohrchirurgie konnte die Operation erfolgreich durchgeführt werden.
«Das Ziel war nicht nur, das Loch im Trommelfell zu schliessen, sondern eine stabile anatomische Grundlage zu schaffen, die den Druckverhältnissen im Tauchsport standhält.» Die Rekonstruktion gelang. Schritt für Schritt fand Giampietro zurück ins Wasser – zunächst zögerlich, dann mit wachsendem Vertrauen. Sie musste Mut fassen, sich überwinden, die Angst vor erneuten Rückschlägen loslassen. Doch wenige Monate später stand sie wieder auf Weltklasseniveau. Am 5. Juni 2025 tauchte sie im mexikanischen Cenote auf 50 Meter Tiefe – ohne Flossen, ohne Licht in der Tiefe, mit ruhiger Technik und stabiler Druckregulation. Weltrekord.

Nach ihrem Rekord bedankte sie sich sofort beim Operateur des LUKS. Heute möchte Vera Giampietro anderen Betroffenen Mut machen. Menschen, die – wie sie – jahrelang nach einer Lösung suchen. Menschen, die glauben, ihr gesundheitliches Problem sei zu kompliziert oder endgültig. Für Thomas Linder war es «Glück und Verstand» und das Vertrauen der Patientin, dass der Arzt ihre Ansprüche verstanden und aus den verschiedenen Möglichkeiten die «Beste» wählen konnte.
Zum Welttag des Hörens, der jährlich am 3. März gefeiert wird, zeigt diese Geschichte, wie eng Medizin, Menschlichkeit und Lebenswege miteinander verbunden sind.

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