«Wir praktizieren als Doppelspitze einen sehr direkten Informationsfluss»

Die Chefärztinnen PD Dr. Christine Brambs und PD Dr. Corina Christmann bieten ihren Patientinnen am zertifizierten Gynäkologischen Tumorzentrum am Luzerner Kantonsspital (LUKS) optimale Behandlungsstrategien an. Sowohl medizinisch als auch als Doppelspitze bei der Leitung der Frauenklinik ergänzen sie sich bestens. Das innovative Führungsmodell trägt ihrer intensiven und anspruchsvollen Arbeit Rechnung. Sie reden über ihren Beruf, ihre Berufung und die Vorteile einer gemeinsamen Leitung.

25. Januar 2021

Lesezeit: 7 Minuten
Christmann und Brambs

Die beiden Chefärztinnen der Frauenklinik, PD Dr. med. Corina Christmann (links) und PD Dr. med. Christine Brambs, im Gespräch mit einer Patientin.

Christine Brambs, Sie sind Leiterin des zertifizierten Gynäkologischen Tumorzentrums am LUKS. Mit welchen Krankheitsbildern werden Sie konfrontiert? 

Christine Brambs: Uns beschäftigen bösartige Erkrankungen des Eileiters und Eierstocks, des Bauchfells, der Gebärmutter und des Gebärmutterhalses sowie des äusseren Genitals. Häufig handelt es sich um Karzinome der Gebärmutter und des Eierstocks. 

Wer sind die Risikogruppen dieser Krebserkrankungen? 

Corina Christmann: Leider können diese Krankheitsbilder jede Frau betreffen. Aber es gibt Risikogruppen: Wenn es beispielsweise um den Befall des Eierstocks, Eileiters oder Bauchfells geht, spielt das Alter eine Rolle. Besonders nach den Wechseljahren steigt das Krebsrisiko. Zudem weisen manche Patientinnen eine genetische Veranlagung auf. Die Erkrankungen treten auch häufiger bei Frauen auf, die nie schwanger waren, keine Pille nahmen, früh ihre Periode entwickelten oder spät in die Wechseljahre kamen – also viele Eisprünge hatten.

Christine Brambs: Das Auftreten eines Gebärmutterkarzinoms sehen wir zudem häufiger bei Frauen, die stark übergewichtig sind und an Diabetes oder Bluthochdruck leiden. Das bösartige Gebärmutterhals-Karzinom wiederum wird meist vom Papillomavirus (HPV-Virus) übertragen. Glücklicherweise besteht mit der HPV-Impfung, die Mädchen und Jungen möglichst vor ihrem sexuellen Erstkontakt empfohlen wird, eine wirksame Methode, um das Auftreten eines Gebärmutterhalskrebses zu verhindern. 

Die Feststellung einer Krebserkrankung ist ein lebensveränderndes Ereignis. Was geschieht danach?

Christine Brambs: Wir lernen die Frauen in unterschiedlichen Phasen ihrer Diagnose und Erkrankung kennen. Es ist uns wichtig, individuell auf unsere Patientinnen einzugehen und sie sowohl medizinisch als auch zwischenmenschlich bestmöglich zu betreuen. In der Kommunikation und in unseren Prozessen sind wir klar, transparent und strukturiert. Wir arbeiten am Gynäkologischen Tumorzentrum am LUKS mit allen Fachdisziplinen, die sich an der Versorgung von Frauen mit gynäkologischen Krebserkrankungen beteiligen (Onkologen, Strahlentherapeuten, Radiologen, Pathologen), eng zusammen und stehen in permanentem Austausch. Ausserdem verfügen wir am LUKS über speziell ausgebildete onkologische Pflegekräfte, welche die Patientinnen eng begleiten, sei es mit komplementärmedizinischen Ansätzen oder einem Gespräch

Corina Christmann: Gerade zu Beginn einer Therapie liegt die zentrale Herausforderung darin, die Sachlage klar zu kommunizieren und die Patientinnen gleichzeitig mit diesen Informationen nicht zu überfordern. Die Begleitung in solch einer herausfordernden Zeit setzt Fingerspitzengefühl und Erfahrung voraus, und besonders gut gelingt das in einem gut abgestimmten Team – wie bei uns am LUKS. 

Früher wurde in unserem Feld nahezu immer radikal operiert. Heutzutage versuchen wir, nur so viel wie notwendig zu operieren, und passen unsere Strategie der individuellen Erkrankung und Grundsituation der Patientin an

Dr. med. Christine Brambs

Wie geht es danach weiter?

Corina Christmann: Die eigentliche Behandlung besteht, vereinfacht gesagt, meist aus einer Kombination aus operativem Eingriff und einer konservativen Therapie. Dabei kann es sich um eine Bestrahlung, eine Chemo- oder eine Hormontherapie handeln. Wenn sich Frauen mit einer möglichen oder bestätigten Krebsdiagnose bei uns vorstellen, dann haben sie verständlicherweise oft Angst. Diese Angst nehmen wir sehr ernst. Wir bieten unterschiedliche Unterstützungsmöglichkeiten an und nehmen auch die Angehörigen mit ins Boot, wenn gewünscht. 

Frau Brambs, Sie haben grosse Erfahrung in der Tumorchirurgie. Wie hat sich die Behandlung in den letzten Jahren verändert? 

Christine Brambs: Früher wurde in unserem Feld nahezu immer radikal operiert. Heutzutage versuchen wir, nur so viel wie notwendig zu operieren, und passen unsere Strategie der individuellen Erkrankung und Grundsituation der Patientin an. Konkret bedeutet das, dass selbst bei einer bösartigen Erkrankung der Gebärmutterhöhle oder des Eierstocks nicht in jedem Fall eine Entfernung der Lymphknoten notwendig ist. Darüber hinaus verfügen wir heute erstmals seit Jahrzehnten über Medikamente, die bei einer bösartigen Erkrankung des Eierstocks zu einer deutlichen Prognoseverbesserung führen und das Risiko eines erneuten Auftretens der Krankheit massiv reduzieren. Als interdisziplinäres Team profitieren wir von der Expertise unterschiedlichster Fachbereiche und integrieren auch komplementärmedizinische Therapieformen. 
Sie sind beide Chefärztinnen und leiten darüber hinaus seit letztem Jahr gemeinsam die Frauenklinik am LUKS. Dieses Top-Sharing sticht vor allem in Anbetracht der weitverbreiteten «männerlastigen» Führungsetagen in der Medizinbranche heraus. 

Corina Christmann: Es ist in der Tat etwas Besonderes. Die grosse Herausforderung besteht darin, sowohl den hohen medizinisch-klinischen Anforderungen als auch den Führungsaufgaben gerecht zu werden. Die medizinische Arbeit erachte ich als ein Privileg – erfüllend und motivierend, aber auch fordernd und zeitintensiv. Christine wie auch ich haben Kinder – die Organisation unseres Alltags erfordert viel Struktur und Durchhaltevermögen. Das Konzept der Co-Leitung am LUKS ermöglicht es Führungskräften gender-unabhängig, sich gegenseitig zu unterstützen und auch eine Work-Life-Balance aufrechtzuerhalten. 

Christine Brambs: Das sehe ich ebenfalls so. Ich bin überzeugt, dass man an der Work-Life-Balance aktiv arbeiten muss. Das erfordert Disziplin und viel Organisation. Damit sich Arbeits- und Privatleben mehr oder weniger die Waage halten, ist man gerade mit kleineren Kindern auf eine zuverlässige Kinderbetreuung angewiesen. Die Tatsache, dass Corina und ich uns gegenseitig vertreten können, ist dabei ein grosser Vorteil. 

Wie darf man sich diese gemeinsame Leitung im Alltag vorstellen?

Christine Brambs: Wir arbeiten als wirkliche Doppelspitze und praktizieren einen sehr direkten Informationsfluss untereinander. Wir vertreten die gleichen Führungsstrategien und haben ähnliche Visionen. Praktisch haben wir einige Themen und Ressorts untereinander aufgeteilt, während wir insbesondere strukturelle Fragen gemeinsam bearbeiten. Wir sind davon überzeugt, dass die Frauenklinik von dieser agilen und konstruktiven Zusammenarbeit profitiert. 

Corina Christmann: Von Vorteil ist auch, dass wir in der Doppelspitze eigene Prozesse und Ansichten regelmässig hinterfragen – es fördert sicherlich die Selbstreflexion. Das ist wichtig, um ein grosses Team möglichst optimal zu leiten und gleichzeitig offen für sinnvolle Veränderungen zu sein. Darüber hinaus können wir die Klinikleitung mit einer starken klinischen Präsenz kombinieren. 

Von Vorteil ist, dass wir in der Doppelspitze eigene Prozesse und Ansichten regelmässig hinterfragen – es fördert sicherlich die Selbstreflexion.

Dr. med. Corina Christmann

Wie ist es für Ihre Teams, gleich zwei Chefinnen zu haben?

Christine Brambs: Der Zusammenhalt in unserem Team ist sehr stark, und das gesamte Team der Frauenklinik am LUKS ist hervorragend und hoch motiviert. Wir pflegen eine offene Kommunikationskultur und überdenken bestehende Prozesse gemeinsam kritisch. Gerade Zeiten, in denen wir gezwungen sind, unsere operative Tätigkeit zu reduzieren, wie beispielsweise in der aktuellen Pandemie, nutzen wir, um unsere Konzepte stetig zu verbessern. 

Corina Christman: Der Rückhalt und die Expertise unserer Kolleginnen und Kollegen ist uns extrem wichtig. Deshalb besprechen wir uns regelmässig mit allen Mitgliedern unseres Teams. Das ermöglicht einen konstruktiven interdisziplinären Austausch, der essenziell ist. 

Was raten Sie Frauen und/oder Mädchen, die den medizinischen Berufsweg einschlagen möchten?

Corina Christmann: Man muss eine Leidenschaft für den Beruf haben. Das gilt letztlich für alle Branchen, ob man sich nun als Architektin, Anwältin oder Medizinerin verwirklichen möchte. Wer die Medizin wählt, muss sich mit einer hohen Belastung und Auslastung arrangieren. Aber gleichzeitig gibt einem diese Arbeit so viel zurück. Zudem entwickelt man sich in diesem Beruf laufend weiter. 

Christine Brambs: Wir haben einen wunderschönen Beruf. Er fordert uns und bringt immer wieder etwas Neues hervor. Die Medizin wird zunehmend weiblich. Der Grossteil der Ärztinnen und Ärzte hat heute Familie, weswegen sich Teilzeitkonzepte mittlerweile etabliert haben. Unser Appell an alle Frauen: Wer eine Leidenschaft für einen Beruf hat, sollte diesen Weg einschlagen und sich nicht entmutigen lassen. Die Balance zwischen Beruf und Familie ist eine Herausforderung – aber sie ist durchaus realisierbar. 

Der Beitrag erschien am 23. Januar 2021 in der Beilage «Fokus Moderne Frau» im «Tages Anzeiger»

Die zwei Chefärztinnen

PD Dr. med. Corina Christmann ist seit 15. Juni 2020 als Chefärztin und Co-Leitung der Frauenklinik am LUKS tätig. Zuvor leitete sie die Frauenklinik zwei Jahre lang interimistisch. Zudem leitet sie das Beckenbodenzentrum der Frauenklinik. Zu ihren Behandlungsschwerpunkten gehören die operative Gynäkologie sowie Urogynäkologie. Ihre Facharzt-Ausbildung hat sie am Inselspital Bern, ihre Schwerpunkt-Weiterbildung in der Urogynäkologie des Royal Brisbane and Women's Hospital durchgeführt.

PD Dr. med. Christine Brambs ist seit 1. Oktober 2020 als Chefärztin und Co-Leitung der Frauenklinik am LUKS tätig. Zuvor war sie als stellvertretende Klinikdirektorin an der Frauenklinik der Technischen Universität München tätig und leitete diese acht Monate lang interimistisch. Zu ihren Behandlungsschwerpunkten gehören die operative Gynäkologie sowie die gynäkologische Onkologie. Sie ist Leiterin des Gynäkologischen Tumorzentrums. Christine Brambs absolvierte ihre Facharztausbildung sowie die Weiterbildung in der gynäkologischen Onkologie an der Universität Yale in Connecticut, USA.

Das Gynäkologische Tumorzentrum

Am Gynäkologischen Tumorzentrum in Luzern arbeiten unterschiedliche Spezialisten fachübergreifend zusammen, um für jede Frau die individuell richtige Behandlungsstrategie zu finden. Die Einrichtung bietet eine grosse chirurgische Erfahrung auf dem Gebiet der minimal-invasiven sowie offenen Chirurgie. Das Gynäkologische Tumorzentrum ist gemäss Deutscher Krebsgesellschaft zertifiziert.

Das Luzerner Kantonsspital (LUKS) ist das grösste Zentrumsspital der Schweiz. Es umfasst die Standorte Luzern, Sursee und Wolhusen sowie die Luzerner Höhenklinik Montana. Mehr als 7000 Mitarbeitende sorgen rund um die Uhr für das Wohl der Patientinnen und Patienten. Das LUKS behandelt jährlich rund 43 500 stationäre Patientinnen und Patienten und zählt über 650 000 ambulante Patientenkontakte.

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