Hoch spezialisierte Medizin im Zentrum, Grundversorgung in der Peripherie

In der Zentralschweiz entsteht eine neue Spitallandschaft. Die Umstrukturierung soll die Fachkräfte bündeln, Zuweisern die Wege erleichtern und die Qualität der Behandlung noch weiter optimieren. Wie das angedacht ist und was das für Patientinnen und Patienten sowie Ärztinnen und Ärzte bedeutet, zeigt ein Gespräch mit Prof. Dr. med. Christoph Henzen, Leiter Zentrum Luzern des LUKS, und Dr. med. Adrian Küng, Verwaltungsrat der LUKS Gruppe und Hausarzt in Zell.

17. September 2021

Lesezeit: 7 Minuten
Henzen und Küng

Was sind die Gründe für den Zusammenschluss zur neuen LUKS Gruppe und welche Auswirkungen hat dieser auf die beteiligten Spitäler?

Professor Henzen: Ein wichtiger Grund ist der wachsende Fachkräftemangel im Arzt- und Pflegedienst. Hinzu kommt, dass wir wegen des Trends zur Ambulantisierung (Verschiebung gesundheitlicher Versorgungsleistungen aus dem stationären in den ambulanten Sektor) künftig weniger Betten für stationäre Behandlungen benötigen, dafür aber mehr hoch spezialisierte ambulante Angebote in verschiedenen Fachrichtungen. Weil die Spezialisierung auch innerhalb der Subdisziplinen wie etwa der Kardiologie oder der Gastroenterologie zunimmt, wird es immer schwieriger, Fachkräfte zu finden, die den gesamten Bereich beherrschen. Damit wir auch künftig den Bedürfnissen der Bevölkerung am besten genügen können, müssen sich die beteiligten Spitäler fokussieren und Synergien untereinander nutzen.

Wie können Sie Fachkräfte einsparen und gleichzeitig die spezialisierten Angebote ausbauen?

Professor Henzen: Indem wir künftig noch konsequenter die hoch spezialisierte Medizin eher im Zentrum, die Grundversorgung eher in der Peripherie anbieten. Herzkatheteruntersuchungen beispielsweise sind an ein hoch technologisches Katheterlabor gebunden, wären also im Zentrum angesiedelt. Die kardiologische Diagnostik, die mit Ultraschall und EKG arbeitet, fände eher in den regionalen Spitälern statt. Indem wir die Kompetenz konzentrieren, können wir den Fachkräftemangel kompensieren und die Effizienz und Qualität der Behandlung gleichzeitig steigern. Nehmen wir die Covid-19-Situation als Beispiel: Wenn wir in der Zentralschweiz sechs Intensivstationen betreiben, benötigen wir viel mehr speziell geschultes Personal, als wenn wir die Intensivstationen auf zwei bis drei Standorte konzentrieren. Die Versorgung wird dadurch nicht schlechter, ganz im Gegenteil.

Herr Küng, Sie sind Zuweiser des LUKS und neu seit 2021 als Verwaltungsrat (bis Ende Juni Spitalrat) in einer ganz neuen Rolle. Worin sehen Sie Ihre Aufgabe?

Dr. Küng: Als Hausarzt arbeite ich seit vielen Jahren eng und hervorragend mit dem LUKS zusammen. Ich kenne darum die Optik der Zuweiser. Meine neue Rolle sehe ich unter anderem darin, deren Perspektive in den Verwaltungsrat einfliessen zu lassen. Durch die enge Zusammenarbeit kenne ich auch das Spital und die Stärken der einzelnen Standorte in der jetzt schon grossen LUKS Gruppe sehr gut. Ich kann mich mit dem Spital identifizieren und bin mir bewusst, dass viele Herausforderungen anstehen. Neben Fachkräftemangel und Ambulantisierung sind dies auch der Preis-, Kosten- und Margendruck, Regulierungen, Wettbewerb und Digitalisierung.

Christoph Henzen, neuer Leiter Zentrum Luzern

Je mehr Fälle ein Arzt oder ein Zentrum behandelt, desto grösser ist die Kompetenz und desto besser können wir Daten für die Qualitätssicherung sammeln.

Prof. Dr. med. Christoph Henzen, Leiter Zentrum Luzern

Wie ist die Sicht der Zuweiser beim Thema Ambulantisierung?

Dr. Küng: Wenn Patienten nach einer Operation früher nach Hause entlassen werden, übernehmen wir Hausärzte – sehr gerne – mehr Verantwortung. Dass das funktioniert, ist eine gute Kommunikation zwischen Spital und Hausärzten nötig. Der digitale Austausch von Patientendaten via das Klinikinformationssystem LUKiS ist dabei sicher sehr hilfreich. Und das LUKS hat mit LUKSLink (Schnittstelle zum Datenaustausch zwischen Ärztinnen und Ärzten und LUKiS) sehr gute Voraussetzungen für uns Zuweiser geschaffen. Mit einer koordinierten und digital vernetzten Versorgung setzt die LUKS Gruppe neue Massstäbe im Gesundheitswesen.

Was genau ändert sich für die Zuweiser nach dem Zusammenschluss zur neuen LUKS Gruppe?

Professor Henzen: Ein grosser Vorteil wird sein, dass der Zugang für sie und damit die Planbarkeit für ihre Patientinnen und Patienten sehr viel einfacher wird, wenn wir die Fachgebiete bündeln, zum Beispiel in einem Herz-, Lungen- oder Schilddrüsenzentrum.  Die Qualität der Behandlung und der Dokumentation wird mindestens gleich hoch bleiben, sie wird eher noch steigen. Qualität ist ja sehr eng an Fallzahlen gebunden. Je mehr Fälle ein Arzt oder ein Zentrum behandelt, desto grösser ist die Kompetenz und desto besser können wir Daten für die Qualitätssicherung sammeln. Dabei unterstützt uns das von Dr. Küng erwähnte LUKSLink. Auch für die Forschung sind grosse Datenmengen wichtig. Wenn wir Masterarbeiten künftig mit einer breiteren Datenbasis machen können, erhöht das nicht nur die Qualität der Ausbildung, sondern auch die Attraktivität des Standortes.  So können wir Fachkräfte nicht nur besser gewinnen, sondern auch halten.

Dr. Küng: Für die Zuweiser ist sicher wichtig zu wissen, dass sich für sie grundsätzlich an der Zusammenarbeit mit dem LUKS nichts ändert. Die bewährten Ansprechpartner bleiben erhalten und auch das medizinische Angebot bleibt bestehen respektive wird sogar gestärkt. Neu wird aber innerhalb des neuen Verbundes die Gesundheitsversorgung integral gedacht, das heisst, dass die Angebote wo möglich gebündelt und Synergien noch besser genutzt werden. Der Spitalbetrieb wird effizienter und durch die enge Zusammenarbeit der Standorte untereinander wird der Austausch intensiver.

Was ändert sich für die Patientinnen und Patienten?

Dr. Küng: Dadurch, dass die Standorte ihre medizinischen Angebote koordinieren, wird die medizinische Versorgung optimiert – und das ist gut so. Eine Patientin mit einem akuten Herzproblem muss schnellstmöglich ins Herzkatheterlabor im Zentrumsspital in Luzern mit seinem Angebot der hoch spezialisierten Medizin. Für die Reha ist dann ein Kompetenzzentrum wie in Wolhusen besser geeignet. Solche Prozesse sind meistens vorhersehbar und damit planbar.

Prof. Henzen: Als Spital müssen wir das Wohl der Patientin und des Patienten im Auge haben. Wenn wir die klare Aufgabenteilung umgesetzt haben, kommt ein Patient mit einem Herzinfarkt oder einem Lebertumor zu dem Team und dem Arzt, der die Therapie 200- oder 400-mal im Jahr macht. Wenn sich ein interdisziplinäres Team um ihn kümmert, für das die Behandlung Routine ist, steigt automatisch die Qualität der Behandlung, denn die korreliert mit der Fallzahl. Es wird also eine räumliche Verschiebung geben, aber der organisatorische Ablauf sollte einfacher sein und die Qualitätsgarantie wird ein weiterer Vorteil sein.

Adrian Küng

Für die abgestufte, koordinierte Versorgung zwischen Zentrumsspital und seinem leistungsstarken Netzwerk muss die Koordination des medizinischen Angebots gestärkt werden.

Dr. med. Adrian Küng, Verwaltungsrat LUKS Gruppe und Hausarzt

Vor welchen Aufgaben stehen Sie jetzt?

Dr. Küng: Für die abgestufte, koordinierte Versorgung zwischen Zentrumsspital und seinem leistungsstarken Netzwerk muss die Koordination des medizinischen Angebots gestärkt werden. Das ist in dieser Form neu und muss sich zuerst einspielen. Dafür braucht es einerseits Geduld, anderseits drängt angesichts des schnellen Wandels im Gesundheitswesen die Zeit. Schon jetzt funktioniert die Zusammenarbeit zwischen den digital vernetzten Standorten sehr gut. Das ist ein gewaltiger Vorteil. Patientendaten sind in Echtzeit standortunabhängig verfügbar, wichtige Referenzwerte werden gruppenweit ausgetauscht und dadurch steigt die Qualität der Behandlungen laufend.

Prof. Henzen: Wir nehmen einen Umbau der Spitallandschaft in der Zentralschweiz vor, bewegen uns weg vom traditionellen Spital, das in seinem Einzugsgebiet alle Angebote abdeckt,  hin zu einem Modell mit einem Zentrum mit spezialisierten Angeboten und kleineren Häusern, die diagnostisch-therapeutisch tätig sind und ihre Patienten, falls nötig, dem Zentrum zuweisen. Mit den veränderten Angeboten verschieben sich auch die Personalressourcen. Ein derart grosses Projekt braucht Zeit.

Herr Dr. Küng, was ist Ihr Wunsch an die neue LUKS Gruppe?

Dr. Küng: Ich schätze die hohe fachliche Kompetenz der LUKS-Kolleginnen und -Kollegen und bin ganz besonders froh um die hohe Kontinuität beim Personal. Wenn man die Ansprechpartner kennt, kann man niederschwellig Kontakt mit ihnen aufnehmen und bekommt dann wertvolle kollegiale Unterstützung. Die Standorte sind alle von Bedeutung, weil sie je nach Situation spezifische Vorteile bieten. Wir Zuweiser können künftig unsere Patienten genau dorthin schicken, wo sie für das jeweilige Problem am besten betreut werden. Davon profitieren wir Zuweiser, letztlich aber vor allem unsere Patienten. Mein Wunsch ist, dass dies so bleibt und die LUKS Gruppe mit ihrem Modell einer koordinierten, digital vernetzten Versorgung neue Massstäbe im Schweizer Gesundheitswesen setzen kann.

Dieses Interview erschien im Juni 2021 im «luksmagazin» Nr. 20, dem Magazin für Hausärzte und Zuweiserinnen und Zuweiser

Die LUKS Gruppe

2019/20 haben die Kantonsparlamente in Nidwalden und Luzern die Umwandlung der Spitalbetriebe in gemeinnützige Aktiengesellschaften beschlossen. Die neue Rechtsform ermöglichte per 1. Juli 2021 einen Zusammenschluss des Luzerner Kantonsspitals, des Spitals Nidwalden und weiterer Tochtergesellschaften zur neuen LUKS Gruppe. Mit diesem Schritt wurde die seit 2012 existierende Luzerner-Nidwaldner Spitalregion (LUNIS) weiter vertieft und rechtlich gefestigt.

Im neuen Spitalverbund wird dank optimierter Strukturen und einer abgestuften, koordinierten Versorgung sichergestellt, dass angesichts der grossen Herausforderungen im Gesundheitswesen der Bevölkerung der Region auch künftig eine wohnortsnahe, qualitativ hochstehende, wirtschaftliche und gut abgestimmte Grund- und Spezialversorgung angeboten werden kann.

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